Bauers Depeschen


Donnerstag, 04. Dezember 2014, 1390. Depesche


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LIEBE GÄSTE,

jeden Tag gibt es ein paar Karten weniger für Die Nacht der Lieder, die Benefiz-Show zugunsten der Aktion Weihnachten am 9./10. Dezember im Thaterhaus. Es sind immer noch einige Tickets greifbar, etwas hinten - und Dabeisein ist bekanntlich alles.

KARTEN: THEATERHAUS. Telefon: 07 11 / 4 02 07 20.

Siehe unser kurzes VIDEO ZUR NACHT DER LIEDER

Für den FLANEURSALON am Dienstag. 16. Dezember, im Schlesinger gibt es nur noch ganz wenige Karten am Tresen.  



Der Klick zum

LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



KINDER

Es herrscht gefährliches Niederschlagsklima in der Stadt, und ich werde den Teufel tun, mich kurz vor Weihnachten in die höhere Pädagogik einzumischen, gar das Aufführungsverbot des Musicals „Tarzan“ an den bevorstehenden Feiertagen wegen unzulässiger Kinderarbeit moralisch zu bewerten. Im Möhringer Showbusiness gelten anderer Gesetze als am Broadway, und das Leben ist kein Kinderspiel.

Weil der Dschungel-Held Tarzan wie fast jeder andere Affe von uns mal klein war, braucht es einige junge, nicht mehr als 140 Zentimeter große Darsteller, um sein Lianenturner-Leben vorzuführen. Wie viele andere Produkte der Unterhaltungsbranche nutzt das familienfreundliche Bustouristen-Musical die emotionale Wirkung von Kinderaugen auf der Bühne.

Wir kennen das. Die Deutschen feierten in den sechziger Jahren mit feuchten Augen den blutjungen Heintje. Mit seinem „Mama“-Genöle verdrängte der holländische Dreikäsehoch britische Boy-Groups wie die Beatles und die Rolling Stones von der Spitze unserer Hitparaden. Da hätten die Jugendämter einschreiten müssen. Während die lustigen Buben John Lennon und Mick Jagger mit Klobrille um den Hals und Hasenpfote in der Hose herumtollen durften, konnte der Kinderstar Heintje beim Vortrag seiner Schnulzen nicht mal ansatzweise seine Kindheit ausleben. Noch schlimmer: Sein Sound war auch für ihn selbst extrem gesundheitsschädlich. Der Stimmbruch gab ihm zum Glück den Rest.

Die Urwald-Maloche eines Musical-Knirpses kommt mir ohnehin harmlos vor angesichts der Tatsache, dass moderne Kapitalismus-Manager in vielen Ländern Kinder auf eine Art und Weise ausbeuten, wie es kein Gorilla-Papa zulassen würde. Auch ist es keinem von uns untersagt, in Ramsch-Kostümen aus den Fabriken des Kindermissbrauchs den Affen zu machen.

Vom Leistungssport ganz zu schweigen. Ich rede nicht von Tarzans holden Abbildern in den Mucki-Buden. Man denke an die erfolgsgeilen Mütter und Väter, die ihre Babys zum Wohl der Nation auf Eislaufbahnen und Turnmatten foltern oder gar in VfB-Trikots stecken. Dagegen erscheint mir jeder freie Fall in Tarzans Ledenschurz als kinderleichte Therapieübung.

Wie gut die Kids auf das Publikum wirken, wissen seit jeher auch Politiker und ihre Propaganda-Heintjes. Kinder in Uniform ziehen bei Aufmärschen fast noch besser als Militärtypen mit Nachttöpfen auf der Birne. Nicht nur in den Wahlkämpfen der USA, auch bei uns blasen sich Politiker als Beschützer auf, wenn in ihrem Umfeld instrumentalisierte Zwerge Luftballons in Parteifarben in den Himmel halten. Kleine Hände in den Pfoten Erwachsener machen sich auch gut, wenn es gilt, auf rassistisch befeuerten Demos gegen Schwule und Lesben zu hetzen. Da werden die lieben Kleinen schon mal Zeugen verbaler After-Shows, wie man sie eher in den Schuppen der Porno-Comedy vermutet.

Viele Politiker der Gegenwart könnten auf Baby-Shows verzichten, besännen sie sich auf ihre infantilen Werte. Der allseits beliebte Landesgroßvater Kretschmann hat seine Krabbelgrupppen-Phase in einer kommunistischen Partei verbracht, in den siebziger Jahren, als die Revolte schon vorbei und die Klobrille um den Hals längst Geschichte waren. Dieses Kindskopf-Kapitel haben ihm viele seiner Landsleute verziehen. Sogar das linke Magazin „Konkret“, seit 40 Jahren über dem Ladentisch erhältlich, widmet ihm im Dezember-Heft eine Hommage, die nicht untergehen darf:

„Mit dem Spruch ‚Desch is halt so‘ soll der grüne Ministerpräsident Baden-Württembergs, Wilfried Kretschmann, geboren im schwäbischen Spaichingen, seine Beihilfe an der Beseitigung letzter Relikte des Asylrechts kommentiert haben. So jedenfalls zitieren ihn diverse norddeutsche Provinzblätter aus Bergedorf und Hamburg, des guten Journalistenglaubens, Schwaben sei, wo man das S als Sch spricht. Es ist aber so, dass das S als S gesprochen wird und nur das S vor dem T als Sch: ‚Des isch halt so!‘ zitieren darum die ,Stuttgarter Nachrichten’ ihren politisch unkorrekt regierenden Schafseggel dialektisch korrekt.“

Bevor die unvermeidliche Diskussion einsetzt, ob der Autor das schöne Wort Schafseggel korrekt geschrieben hat, ob es nicht besser Schofseggel oder gar Schofseggl heißen müsste, so viel: Der Verfasser, „Konkret“-Herausgeber Hermann L. Gremliza, ist in Gerlingen aufgewachsen, hat am Stuttgarter Eberhard-Ludwigs-Gymnasium das Abitur gemacht und in Tübingen studiert. Obschon seit Jahrzehnten in Hamburg zu Hause, spricht er, das kann ich bezeugen, bis heute aschtreines Schwäbisch aus den Tagen seiner Kindheit. Nur deshalb konnte er zeit seines Berufslebens als Sprachkritiker brillieren. Der große Rhetoriker Tarzan pflichtet mir bei: Aaaaahhhh uohuoh ouh-ouh.



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