Bauers Depeschen


Donnerstag, 27. November 2014, 1387. Depesche


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LIEBE GÄSTE,

es gibt immer noch Karten für Die Nacht der Lieder, die Benefiz-Show zugunsten der Aktion Weihnachten am 9./10. Dezember im Thaterhaus. Schade, wenn Plätze frei blieben. Auch Ticktes in den hinteren Reihen helfen Menschen in Not.

KARTEN: THEATERHAUS. Telefon: 07 11 / 4 02 07 20.

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Für den FLANEURSALON an diesem Samstag im Stadtteilzentrum Gasparitsch in Ostheim sind keine Reservierungen mehr möglich.



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Die aktuelle StN-Kolumne:



ALEPPO

Es sind die kleinen Dinge, die beim Herumgehen in der Stadt aus ihr hinausführen. Als ich eines Tages im Schaufenster vom Seifen-Lenz im Bohnenviertel die berühmte Aleppo-Seife sah, hatte man sich an die Fernsehbilder über den Bürgerkrieg in Syrien so gut wie gewöhnt. In Aleppo, der zweitgrößten Stadt des Landes, herrschten Tod und Elend, und Aleppo war weit weg.

Jeder Mensch hat seine Marotten, und einige Zeit zuvor hatte ich mir gesagt: Ein Stück guter Seife unter der Dusche hat mehr mit dem richtigen Leben zu tun als die Schmiere aus einer Duschgel-Flasche. ­Dieser Gedanke ist Unsinn, führte mich aber zum größten Aleppo-Seifenhändler weit und breit. Der Mann heißt Bassam Al-Machout, kommt aus ­Syrien und arbeitet, die Welt ist klein, in meiner Nachbarschaft.

Die Johannesstraße, vor dem Zweiten Weltkrieg ein Prachtboulevard mit Offizierswohnungen, ist heute ein Stück bunter Westen. Kommt man vom Hölderlinplatz, führt sie am Arbeitsgericht, am Lerchenplätzle und am schönen alten Café Stöckle vorbei. Kurz darauf steht man vor dem ­Seifenladen des Familienbetriebs Zhenobya, Johannesstraße 60, Tür an Tür mit einem türkischen Lebensmittelgeschäft.

Betritt man den Seifenladen, ist Herr Al-Machout, 50 Jahre alt, nicht immer ­präsent. Fünfmal am Tag betet er. Seit den neunziger Jahren ist der Sohn eines Syriers und einer Kurdin praktizierender Muslim. Das Erdbeben 1999 in der Türkei habe ihn endgültig zu Gott gebracht, sagt er. Da lebte er schon lange im Exil.

Ende der Achtziger kommt er nach Deutschland, stellt einen Asylantrag, wohnt als sogenannter Geduldeter in Eislingen/Fils. Er habe studieren wollen, sagt er, in Berlin. Geht nicht. Der Syrier arbeitet in Kneipen, als Küchenhilfe, als Musiker. Spielt Laute und Trommel, singt in einer Band, begleitet Bauchtanz-Shows. Im Lauf der Jahre macht er alle möglichen Jobs. 2005 steigt er ins Seifengeschäft ein, meldet ein Gewerbe an. Da ist er schon etliche Jahre mit seiner deutschen Frau verheiratet, besitzt einen deutschen Pass.

Herr Al-Machout zeigt mir Fotos auf seinem Smartphone, sein aus Syrien nach Griechenland geflohener Neffe hat sie ihm geschickt. Man sieht Flüchtlinge, zerlumpte Menschen, die auf der Straße schlafen. Mit Freunden organisiere er Spenden für seine Landsleute, sagt der Händler, er arbeite mit der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Wer einmal in einem Kriegsgebiet und in einem Flüchtlingslager war, weiß, wie wertvoll ein Stück Seife sein kann.

Bei unserem Gespräch will ich das Thema Krieg nicht vertiefen. Der Krieg ist kompliziert und dreckig, eine Privatmitteilung selten erhellend. Es gibt in Stuttgart Vereine, ein Netzwerk zum Helfen. Dolmetscher, Anwälte. Und wollten wir etwas über die Not von Flüchtlingen erfahren, bräuchten wir vom Seifenladen aus nur ein Stück weiter zu gehen, in die Forststraße, wo Bassam Al-Machouts Familie ihre Wohnung hat. In der Forststraße ist auch ein Asylantenheim.

Wir verlassen den Laden, gehen ins Zhenobya-Lager in einem Hinterhof zwischen Rosenbergstraße und Senefelderstraße. Was für ein Parfüm. In den Räumen stapeln sich Tonnen von Aleppo-Seifen. Sie kommen auf Schiffen nach Hamburg, auf Lastwagen nach Stuttgart.

Die Aleppo-Seife aus Oliven- und Lorbeeröl mit ihren verschiedenen Mischungen und Düften geht auf eine jahrtausendalte Kultur zurück. Man findet sie deshalb auch im Linden-Museum. Ein Naturprodukt, gut und heilsam für die Haut. Aleppo ist mit der Bio-Welle wieder in Mode gekommen und heute wertvoller denn je. Der Krieg hat viele Haine mit Oliven- und Lorbeerbäumen in Syrien zerstört. Seifensieder gaben auf, flüchteten in die Türkei. Glücklicherweise habe er große Vorräte angelegt, sagt Herr Al-Machout, nach wie vor könne er syrische Aleppo-Originale in der ganzen Welt verkaufen. Eine echte Aleppo ist heute dreimal so teuer wie vor fünf Jahren, ein kleines Stück kostet etwa vier Euro.

Im Lager treffen wir Bassams Bruder Nawras und den Marokkaner Mustafa. Sie zeigen mir, wie man eine Seife im Rohzustand in Form bringt. Die Flächen der Rechtecke oder Würfel sind uneben, sehen aus wie Lehmbrocken. Mit einem Schweizer Messer werden sie gespachtelt, geschabt. Die Seifenspäne, zehn Prozent des Originals, wandern in Plastiksäcke, sind gut geeignet zum Waschen von Schafswolle.

Eine Aleppo-Seife, habe ich gelernt, das ist der Duft der Welt, wie sie ist.



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