Bauers Depeschen


Dienstag, 19. August 2014, 1336. Depesche


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Heute ein Beitrag aus den Beständen:



GUTE REISE

Neulich stiefelte ich hinauf zur Burg Teck, schaute ins weite Land und in den klaren Himmel, und da fiel es mir wieder ein. Im April 2010, als Islands Vulkan Eyjafjallajökull kotzte und seine Asche eine Vorahnung von der Hölle an den Himmel malte, fuhr ich im Zug von Essen nach Stuttgart. Ich las die Schlagzeilen in der Sonntagszeitung und grinste mir einen beim Gedanken an das Chaos auf den Flughäfen. Dann entdeckte ich diese Meldung: "Mit knapp 300 km/h war der ICE 105 Ravensburg gestern Morgen auf dem Weg nach Stuttgart, als plötzlich eine Tür aus der Verankerung riss. Es gab einen ohrenbetäubenden Knall, dann blieb der Zug im Tunnel stehen. Die Tür krachte in den entgegenkommenden ICE München-Dortmund. Vier Fahrgäste wurden durch Glassplitter verletzt."

Pünktlich am Bahnhof angekommen, fühlte ich mich mal wieder bestätigt: Reisen ist das Letzte, und es ist mir wurscht, ob Sie mich für eine Sofakartoffel oder einen Feigling halten. Feigling ließe ich sowieso nicht gelten. Die Produkte der Pharmaindustrie gewähren heute jedermann angst- und stressfreie Expeditionen ins Herz des Vulkans oder ins Auge des Hurrikans.

Zu meiner Lieblingslektüre der Tourismus-Literatur gehört eine Kurzgeschichte des amerikanischen Schriftstellers T. C. Boyle. Sie heißt "Guten Flug" und beginnt so: "Als das Triebwerk unter der rechten Tragfläche auf einmal ein dünnes Fähnchen schmierigen schwarzen Rauchs nach sich zog, spähte Ellen durch das zerkratzte Plexiglasfenster auf die bauschigen Wölkchen, die sich über und hinter ihr türmten, und wusste, dass sie sterben würde."

Die Gewissheit zu sterben wäre für mich auf Reisen manchmal eine Hoffnung. Reisen abseits der unerschwinglichen Herrenklassen bedeutet Ärger (unter Kalauerkameraden nicht umsonst Tortour genannt). Reisen ist eine Qual. Viele Reisen haben mit Reisen nichts zu tun. In Wahrheit geht es um eine Ortsveränderung, und in diesem Fall ist die bürokratische Floskel berechtigt: Man wechselt den Standort. Morgens noch Kirchheim unter Teck, mittags schon Gran Canaria. Diese Art Mobilität mit Hilfe eines Jets erfüllt nicht annähernd die Passion des wahren Reisens. Die Lektüre von Münchhausens Ritt auf der Kanonenkugel ist erregender.

Richtiges Reisen, sich bewusst von A nach B zu bewegen, spielt sich so ab: "Die sagenhafteste Mitfahrgelegenheit meines Lebens sollte noch kommen, ein Lastwagen mit flacher Pritsche hinten, darauf sechs, sieben Jungen ausgestreckt, und die Fahrer, zwei junge blonde Farmer aus Minnesota, sammelten jede Menschenseele auf, die sie am Straßenrand fanden - die zwei lustigsten, fröhlichsten, nett aussehendsten Holzköpfe, die zu treffen man sich wünschen konnte . . . Ich rannte hin und sagte: ,Ist noch Platz?' Sie sagten: ,Klar, spring auf, is' Platz genug für alle.'"

Die Zeilen stammen aus Jack Kerouacs Klassiker "Unterwegs". Das Buch ist nur etwas mehr als ein halbes Jahrhundert alt und seine Botschaft so aktuell wie Huck Finns Floßfahrt auf dem Mississippi. Auf Reisen zu gehen kann nicht bedeuten, eine Hotelbude dem heimischen Schlafzimmer vorzuziehen. Reisen heißt Suchen. Dahinter verbirgt sich die Sehnsucht nach dem Unbekannten. Das gilt für Kerouacs Tramper-Abenteuer wie für die Flucht der Bremer Stadtmusikanten oder für Goethes Etappenfahrten in der Pferdekutsche.

Der Bangkok- und Kenia-Tourist von heute begründet seine All-inclusive-Events nicht nur mit dem Recht, die Tapeten zu wechseln. Er legitimiert sie auch mit den internationalen Pflichten und kulturellen Ansprüchen des vernetzten Weltbürgers. Dabei brächte ihn jeder Dokumentarfilm auf Arte oder 3 Sat seinem Reiseziel näher als die Hippie-Nummer, ohne Sprachkenntnis in den Fluren fremder Menschen herumzutrampeln.

Ich bin Reisemuffel, und meine verbalen Attacken auf Touristen fallen mir aus Selbstschutz noch leichter als der wichtige Hinweis: ich hasse Kofferpacken. Kofferpacken ist oft genug für die Katz. Nicht nur einmal bin ich mit einer schäbigen Plastiktüte als einzigem Gepäckstück im Hotel einer Stadt angekommen. In der Tüte befand sich neben einem weißen T-Shirt in Nachthemdgröße, einer Zahnbürste mit angeklebter Zweitagescreme und einem unwirksamen Deostift die heiße Luft der nichtsnutzigen Fluggesellschaft. Mein mühsam, unter heftigem Fluchen gepackter Koffer hatte es wieder mal nicht aufs Laufband des Flughafens geschafft.

In solchen Momenten fallen mir die Worte Loriots ein: Was willst du in Rio de Janeiro, solange du deine eigene Stadt nicht kennst? Mag dieser Satz nicht unbedingt für einen ehrenwerten 600-Seelen-Dorfbewohner auf Mallorca-Kurs gelten, so steckt dahinter doch viel Wahrheit.

Rücksichtslos belästigt der Tourist fremde Länder und brave Ureinwohner mit Gewohnheiten, die zu Hause jeder Wachtmeister spätestens beim Verlassen einer Schenke mit einer Ordnungsstrafe quittieren würde. In einem Souvenirgeschäft am New Yorker Times Square geht es heute kaum anders zu als in einer deutschen Abflughalle für Billig-Touren oder in den Zelten des Cannstatter Volksfests. Karnevalisiertes Partyvolk vom Land, so weit das Auge reicht.

New York erwähne ich, weil ich die Stadt gelegentlich mit dem Argument des Reisemuffels anzusteuern wage, als Touri-Trottel fände ich an diesem Ort die ganze Welt auf einem Fleck und könne so den Rest der Welt verschonen.

Auf ihrem Flug nach New York erlebt die eingangs erwähnte Reisende Ellen aus T. C. Boyles Geschichte die Hölle am Himmel. In Los Angeles gestartet, landet sie mit acht Stunden Verspätung auf dem Kennedy-Airport. Zuvor hat sie mehrere Notlandungen mitgemacht und einmal aus Notwehr das Gesicht eines durchgeknallten Passagiers mit ihrer Gabel zerfleischt. Endgültig zurück am Boden, malt sie sich aus, wie ihre Mutter sie gleich in die Arme nehmen und sie fragen wird: "Hast du einen guten Flug gehabt?"

Ja, Mama, Reisen ist geil.



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