Bauers Depeschen


Dienstag, 12. August 2014, 1332. Depesche


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FLANEURSALON LIVE: DIE FAMILIEN-BANDE IM THEATERHAUS

Flaneursalon am 13. Oktober im THEATERHAUS. 07 11 / 4020 720.

Mit Uta Köbernick. Vater Zam Helga & Tochter Ella Estrella Tischa. Toba Borke & Pheel. Vater Roland Baisch & Sohn Sam Baisch. Unsereins macht auch mit.



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Die aktuelle StN-Kolumne:



WENN DER FLUSS TANZT

Etwas wacklig, leicht misstrauisch steige ich an Bord, drücke mit angezogenen Knien den Hintern in den Sitz, strecke die Beine aus, wie in einer Seifenkiste, bin dann halbwegs seeklar, weil Frau B. so freundlich war, das Schiff festzuhalten.

Ich bin schon ein ziemlich alter Kerl, als ich zum ersten Mal in einen Kajak steige, und womöglich hätte ich für eine Neckar-Fahrt auch auf einer schwimmenden Zigarrenkiste angeheuert, wäre da nicht die Flussfee Frau B. mit ihren zwei Kajaks gewesen. Als sie gelesen hatte, dass ich eine merkwürdige, sehnsüchtige Beziehung zum Neckar pflege, transportierte sie mit ihrem Manne zwei Kajaks ans Flussufer.

Wir starten unter der Cannstatter Rosensteinbrücke, neben dem Theaterschiff. Im Bauch dieses Kahns spielt man Komödien. Was für eine Farce: ein Schiff, das nicht fährt. Einige Male bin ich zuvor auf dem Neckar geschippert, auf Motorbooten, auf Ausflugsschiffen des Neckar-Käpt’n, einmal auf dem 105 Meter langen Frachter Hanna Krieger: von Plochingen nach Marbach, sechseinhalb Stunden, 45 Kilometer, zehn Schleusen. Das war eine Tour.

Im Kajak bewege ich mich erstmals mit eigener Kraft auf dem Neckar. Klarer Himmel, ein heißer Augusttag. Der Fluss schimmert vom nächtlichen Regen metallic-bräunlich, das saftige Grün der Büsche und Bäume am Ufer mischt sich in das Farbenspiel. Vermutlich habe ich das Paddeln nicht erfunden, immerhin komme ich vorwärts und habe genügend Luft herumzuschauen.

Vom Neckar aus sieht die Welt anders aus als auf den Wegen fern der Ufer. Du bist draußen, weg von der Wichtigtuerstadt.

Bekanntlich hat man in der Stadt kaum Zugänge zum Wasser geschaffen, den Neckar seit Jahrhunderten als Industriestraße kanalisiert und rücksichtslos zugebaut. Das gilt auch für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Seit 1958 ist Stuttgart Hafenstadt (was viele Stuttgarter bis heute nicht wissen), 1968 hat man auch in Obertürkheim, Esslingen und Deizisau Schleusen gebaut und so den Fluss bis Plochingen schiffbar gemacht.

Oft war er eine Kloake, das Klima am Fluss dennoch besser als im Kessel. „Wir sind eben aus Stuttgart in die frische Neckarluft von Cannstatt herübergesiedelt“, teilt der Dichter Ferdinand Freiligrath im Sommer 1874 seinem Kollegen Julius Wolff mit. Es nützt ihm nicht mehr viel. Keine zwei Jahre später stirbt er im Alten Hasen in Cannstatt an Herzversagen; am Wirtshaus hängt eine Gedenktafel.

Wir paddeln flussabwärts Richtung Hofen, unter den Weinbergen entlang. Respektvoller Blick nach oben, im sicheren Gefühl: Mit diesem Kerl unterm Kajak kannst du was machen. Das Gerede, der Neckar sei zu weit außerhalb der Stadt, ist dummes Zeug. Vom Zentrum brauchst du eine Viertelstunde mit der Bahn nach Cannstatt.

Alle Versprechen der Rathauspolitiker, die Menschen näher an den Fluss zu bringen, mit Promenaden und seiner Geschichte, sind verlogene Wahlkampfparolen. Die Wahrheit liest man in Jan Bürgers Buch „Der Neckar – Eine literarische Reise“: „Je stärker Stuttgart als Stadt in Richtung Neckar expandierte, desto mehr verlor der Fluss seine prägende Kraft für die Landschaft.“

Trotzdem erlebt man beim Näherkommen erregende Bilder, begreift den Fluss als Lebensader einer einzigartigen Landschaft. Etwa 70 Minuten sind wir unterwegs (als Paddel-Anfänger und Herumgucker bin ich eine lahme Ente), dann weitet sich der Neckar vor dem Bootshaus des Stuttgart-Cannstatter Ruderclubs zu einem stattlichen Gewässer, einem ruhigen, friedvollen Fluss im Tal der Hügel.

Unterwegs ist uns der Frachter Inka aus Neckargemünd entgegenkommen, von der Liberty des Neckar-Käpt’n haben uns Ausflügler zugewinkt, und die Ruderer in ihren pfeilschnellen Booten sind uns lachend ausgewichen, bevor sie uns versenkt hätten. Solche Treffen enden mit lustigen Wellen, man greift fester zum Paddel und kommt sich vor wie einer, den der Fluss tanzend mit einem Rap begrüßt: Ach, wie gut, dass niemand weiß / dass ich Neckar heiß.

Vor dem Bootshaus gelingt es mir mit freundlicher Hilfe vom Land, dem Kajak zu entsteigen: den Arsch volle Kraft voraus auf die Anlegestelle. Die Hosen nass vom Paddeln, der ganze Mann erhitzt vom Wellenspiel des Flusses, von den stoischen Kräften der Hügel, vom Lichttheater der Natur.

Es gibt einen schnellen Weg, der Stadt zu entkommen. Es ist der Sommer am Neckar.



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