Bauers Depeschen


Donnerstag, 10. Juli 2014, 1316. Depesche


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LIEBE GÄSTE,

auch wenn es völlig sinnlos ist, Sie zum Bestellen von Karten für den Flaneursalon anzuregen, so mache ich es dennoch, bevor Sie sich einbilden, als Weltmeister könnten Sie Kreisligaspieler wie uns einfach vergessen:



FLANEURSALON IM THEATERHAUS

Uta Köbernick. Ella Estrella Tischa. Zam Helga. Toba Borke & Pheel. Sie alle treten am Montag, 13. Oktober, im Flaneursalon auf. Schauplatz: THEATERHAUS. Der Vorverkauf läuft. Kartentelefon: 07 11/4020 720.



SUPPENKÜCHE IN DER ALTSTADT

Samstagnachmittag, 11. Oktober. Essen und Live-Musik am oberen Ende der Leonhardstraße (Rondell).



Der Klick zum

LIED DES TAGES



BEITRÄGE schreiben im LESERSALON



SUSHI

Weil ich stolz bin, Deutscher zu sein, ging ich am Morgen zum Bürgerbüro West und holte meinen neuen Personalausweis. Personalausweis ist ein großes Wort für das Stück Plastik, das man erhält, kleiner als die Dauerkarte für die Stuttgarter Kickers.

Erstaunlich schnell war ich wieder stolzer Deutscher, wenn man bedenkt, dass mein alter Pass schon vor zwei Jahren ab­gelaufen war. Mit dem ungültigen Pass konnte ich sogar zur Wahl gehen. Politikern ist es wurscht, welcher Penner sie wählt.

Auch hatte ich vergessen, dass mein neuer Ausweis zum Abholen bereit lag, bis ich an besagtem Morgen aus dem Fenster schaute und am Haus gegenüber die von Wind und Wetter zerfledderte Deutschlandfahne sah. Da hatte einer seinen deutschen Stolz zum Trocknen in den Regen gehängt.

Es ist schwer für den Spaziergänger, Entscheidungen zu treffen. Die Ahnungslosen denken, Spazierengehen sei ein Hobby. In Wahrheit gibt es eine Spaziergangwissenschaft. Sie heißt Promenadologie, wird an Hochschulen gelehrt und handelt von der menschlichen Wahrnehmung der Umwelt. Dient also dazu, die Botschaft einer deutschen Fahne an der Frontwand eines Nachbarhauses zu deuten. Es war die ­Botschaft des Unfassbaren.

Nichts dagegen vermittelt die Promenadologie über den Konflikt, den der Spaziergänger jeden Tag mit sich selbst austrägt. „Es ist leichter, draußen zu bleiben, als nach draußen zu gehen“, hat Mark Twain gesagt.

Ich hatte derbe Stiefel und einen ­ordentlichen Hut gewählt, bevor ich nach draußen ging und in die Innenstadt. Im Café Königsbau, hoch über dem Schlossplatz mit Blick auf das Neue Schloss, packte ich ­meine kleinen, gut zum neuen Pass passenden Laptop aus. Ich sah, wie von einem Großplakat am Baugerüst der Jubiläumssäule der Musikant und Meisterkoch ­Vincent Klink ­herübergrüßte; er arbeitet zurzeit als Model für die Gartenschau in Schwäbisch Gmünd. Durchs Fenster rief ich: Vincent, Typen wie du brauchen nicht mal einen Pass, dich erkennt aus hundert Metern jeder Depp. Er blies in seine Basstrompete, und dann sah ich, dass die Dame mit der Leopardentasche am Nachbartisch nicht mit sich selbst sprach, wie ich vermutet hatte. Aus der Leopardentasche schaute ein Hund heraus, er riss die Schnauze auf, und er sagte nichts. Der Hund war klug. Du kannst nichts sagen über das Unfassbare.

Das Café füllte sich schleppend. Das liegt am Fußball, sagte die Kellnerin. Gut abgestimmt auf meine Stiefeln, bestellte ich Eier mit Speck. Es war der verregnete ­Morgen, nachdem wir die Brasilianer 7:1 weg­gefegt, weggehauen oder abgeschossen hatten, je nachdem, was das Schlagzeilen-Repertoire des stolzen Deutschen nach einem kurzen Schwenk auf den Raketenkrieg im Gazastreifen übrig gelassen hatte.

Der Dauerregen hatte das Licht in der Stadt heruntergedimmt, und er kühlte sie, als wäre das Unfassbare nie geschehen. Die Weltmeisterschaft ging ihrem Ende entgegen, ich sah dem Hund in der Leopardentasche in die Augen, bis er schnäuzte, und ich versuchte, mich zu erinnern.

Dann kam es mir. Diese Nacht werde ich nie vergessen. Es war der Tag, als Che ­Guevaras Geburtstag schon gelaufen war. Am 15. Juni 2014, Punkt Mitternacht,gingen die Italiener daran, die Engländer aus dem Turnier zu schießen, und als der große Pirlo die Sache zu Ende gebracht hatte, begann das Unvergessliche.

Es war das einzige Spiel des Turniers, das morgens um drei Uhr angepfiffen wurde. Ich saß in der Kneipe Schlesinger, an der Wand hingen die Fahnen der Elfenbeinküste und Japans, und wer Ehre hatte, hing mit seiner Fahne daneben. Tschelle, der ­Kellner, kurvte mit einem säuberlich beschrifteten Pappschild durchs Lokal: „Ab 3 Uhr Sushi!“.

Der tote Fisch war gut. Bald aber wurde es still in der Schenke, und draußen pfiffen die Vögel das Lied vom Unfassbaren. Japan hatte 1:2 verloren. Das ist die Geschichte, die der stolze Deutsche einmal seinen Enkeln erzählen wird. Auch wenn er keine hat.



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