Bauers Depeschen


Donnerstag, 24. April 2014, 1275. Depesche


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ACHTUNG, TERMINE

> An diesem Donnerstag bin ich Bühnengast in der Lesung des "Zeit"-Kolumnisten Harald Martenstein im Theaterhaus. 20.15 Uhr. Es gibt noch Karten an der Abendkasse.

> Vom Feitag, 25. April, bis zum Sonntag, 27. April, findet in Stuttgart der Kongress "20 Jahre Bahnreform - 20 Jahre S 21" statt, unter anderem mit einer Kundgebung und Demo am Samstag ab 16 Uhr auf dem Marktplatz. Am selben Tag gibt es um 18 Uhr im Rathaus den "Presseclub zur Bahnreform", es geht um "Medien und Lobby". Podiumsgespräch mit Arno Luik (Stern), Johanna Henkel-Waidhofer (Badisches Tagblatt; Kontext), Hans-Werner Fittkau (Phoenix TV), Joe Bauer (Stuttgarter Nachrichten) ... Zug um Zug ins Nirgendwo.

> Der Flaneursalon gastiert in Stuttgarts ältestem Live-Club, im Laboratorium im Osten: Mittwoch, 28. Mai 2014. 20 Uhr. Mit Stefan Hiss & Freunden, Dacia Bridges & Uwe Metzler (g), Roland Baisch. Karten im Internet: LABORATORIUM



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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



PARIS, FLORENZ

Der große Maler Willi Baumeister, 1889 in Stuttgart geboren und 1955 dortselbst ­gestorben, hatte einen guten ­Humor. 1929 schrieb er in seinem Aufsatz „Stuttgart und die Schwaben“: „Stuttgart gehört zu den schönsten Städten des Kontinents. Im ­Sommer ist‘s im Talkessel heiß wie im ­Süden. Die Vegetation gedeiht wie im Treibhaus. Der Schlossplatz erinnert an Paris, der Hasenberg an Florenz, der Weißenhof an Algier, dank einer sowohl südlichen als auch radikal modernen Bauweise . . . “

Herr Baumeister stellte seine Kunst schon 1926 in New York aus, und wenn er wüsste, was für hässliche Bauklötze sie heute in seiner Heimatstadt als „modern“ verkaufen, würde er seine Pinsel einpacken und hinterm Hasenberg Deckung suchen.

Bleiben wir erst mal in Baumeisters Paris, auf dem Schlossplatz. In diesen milden ­Apriltagen lebt der Platz. Vor der Jubiläumssäule, neben dem Gitter für die Renovierung, hat man die Bildwand des Trickfilm-Festivals gebaut, und weil es sich um ein internationales Festival handelt, serviert man in einer Zeltbude Maul­taschen „mediterran“, mit „Kirschtomatenchutney, Mozarellaperlen und Pesto“. Wohl bekomm’s.

Etwas weltläufiger sind zum Glück die Filme. Gerade habe ich mir den Trailer von „A rapid lovestory by Lisa Limone & Maroc Orange” angeschaut, eine so ergreifende wie gewitzte Puppen-Oper über afrikanische Bootsflüchtlinge an der EU-Grenze. Man kann die kapitalistische Gruselwelt leicht in 4:46 Minuten erklären: die Europäer sind Zitronen, die Flüchtlinge Orangen.

Das Fest der Trickfilmer ist ein Ereignis, das zu Stuttgart passt. Klein, eigenständig. In zweiunddreißig Jahren ist es im Treibhaus einiger Querköpfe gediehen, hat sich vom Landespavillon über das frühere Theaterhaus in Wangen und die Alte Reithalle in die Stadtmitte vorgekämpft.

Obwohl die Wurzeln in der bildenden Kunst liegen, hat man die Sache lange als Kinderkram belächelt. Inzwischen haben die Strichkerle, Knetgnome und Kartoffelköpfe die Filmindustrie erobert. Ohne die Computeranimation wäre Hollywood undenkbar. Das Trickfilmfestival ist eine Stuttgarter Errungenschaft. Trotz aller Kommerzialisierung und Industrialisierung: Den Charme dieser gewachsenen Kultur erkennt am besten, wer sich an die provinziellen Versuche der Politik erinnert, Stuttgart im 21. Jahrhundert ein Realfilm-Festival mit eingekauften Stars wie Isabelle Huppert zu verpassen. Auf der Bühne sind Peinlichkeiten passiert, die glaubt heute keiner mehr. Licht aus, Schwamm drüber.

Das Trickfilmfest geht noch bis zum ­kommenden Sonntag, und es bietet eine Menge denkwürdiger, origineller Dinge jenseits des Mainstream. Großes kleines Kino.

Morgens um neun, wenn die Straßen und der Marktplatz noch leer sind, gehe ich eine Weile herum, weil es ein Übel wäre, auf direktem Weg von der Wohnung das Büro aufzusuchen. Der Marktplatz sieht aus, wie ein Ort aussieht, an dem Läden schließen. Das läppisch große Transparent der Stadtwerke verdeckt eine Baustelle, die Räume des ehemaligen Café Scholz werden zerlegt, und weil wohl noch nicht genug Reklame den Marktplatz verunstaltet, ­werben ein Dutzend Fahnen für das Frühlingsfest.

Vor den Treppen zum Rathaus stehen neben anderem Parteienplunder gleich drei CDU-Plakate mit meinem Lieblingsspruch: „Der Verkehr muss fließen“. Und da an diesem unsinnlichen Ort nicht auszu­machen ist, was ­damit gemeint sein könnte, braucht es eine Weile, bis der Groschen fällt. Ich gehe um die Ecke, erinnere mich an die weithin ­berühmteste Adresse der Stadt: Bebenhäuser Hof. In dieser Gasse steht das sagenumwobene Dreifarbenhaus, verputzt mit den inzwischen leider verwaschenen Farben der französischen Trikolore. Vom Flachdach pfeifen es die Vögel: Er fließt nicht mehr, wie er fließen sollte, der Verkehr in Stuttgarts kommunalem Puff. Paris ist auch nicht mehr das, was es einmal war.



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