Bauers Depeschen


Sonntag, 11. August 2013, 1154. Depesche


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Betr.: Flaneursalon live

WERTE GÄSTE,

in diesem Jahr halte ich mich mit Flaneursalon-Terminen etwas zurück. Zum Jubiläum unserer Lieder- und Geschichtenshow müssen wir allerdings noch mal ran: Am Montag, 4. November, 15 Jahre nach dem allerersten Auftritt im Gustav-Siegle-Haus, machen wir unseren Geburtstagsabend im Theaterhaus. Mit einer Premiere, auf die ich mich freue: Unsere amerikanische Sängerin Dacia Bridges tritt erstmals zusammen mit dem großen Pianisten Wolfang Dauner auf - das Duo interpretiert Lieder von Marlene Dietrich. Außerdem: Los Santos (mit Stefan Hiss), Roland Baisch, Toba Borke & Pheel - und als Gast Uta Köbernick. Der Vorverkauf läuft via THEATERHAUS - Kartentelefon: 07 11 / 4020 720  



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LIED DES TAGES



Aus der jüngsten StN-Samstagsbeilage "Solo":



ALLES ODER NICHTS

Ein Versuch, sich dem seltsamen Wesen Fußballfan zu nähern

Von Joe Bauer



Der Bochumer Fußballfan Frank Goosen, 47, im Hauptberuf Schriftsteller, wurde gefragt, warum er zum Fußball gehe. „Weil heute Samstag ist“, sagte er, sich der ­Unmöglichkeit bewusst, den Irrsinn zu begründen oder gar die alte irre Gewohnheit aufzugeben. Die Redewendung „Samstags um halb vier“ für den Anpfiff in der Bundesliga stand einmal für die Zu­verlässigkeit eines überschaubaren Männerrituals. Inzwischen hat dieser Sport alle Grenzen von Raum und Zeit ­gesprengt.

Längst findet der „Spielbetrieb“, wie Funktionäre die große Show buchhalterisch nennen, nicht mehr nur samstags statt. Das Spektakel in den Profiligen beginnt gewöhnlich am Freitagabend und endet am Sonntagabend. Auch an den restlichen Wochen­tagen gibt es Fußball, in­ter­national oder unterklassig. Wer sich zwischendurch von etwas anderem leiten lässt als von der Leidenschaft für seinen Club, etwa von der Liebe zu einem Menschen, ist kein „Fan“. ­Jedenfalls kein Fußballfan, auch wenn keiner weiß, was das ist, dieses seltsame ­Wesen ­irgendwo zwischen Krawall und Kunst.Den gebürtigen Schwaben Wilfried Harthan, 62, hat einst die Liebe nach Dortmund verschlagen. Ausschlaggebend war zunächst nicht seine überirdische Leidenschaft für die Borussia, nur die allzu menschliche Hinwendung zu seiner Frau. Inzwischen steht er seit dreißig Jahren bei jedem Spiel im Dortmunder Stadion und begleitet seinen BVB (Ballspielverein ­Borussia) regelmäßig auch zu Auswärtsspielen. Weil er ­Mediziner ist, erscheint er dem Autor dieser Zeilen wichtig als selbst­analytischer Fachmann zur Durchleuchtung des Fans. „Fan zu sein bedeutet alles oder gar nichts“, sagt Harthan. „Das kommt von der Faszination des Fußballs, die man entweder spürt, dann ist sowieso alles klar und jeder weitere Kommentar überflüssig. Oder eben nicht, dann kann sich einer so viele Schals umhängen, wie er will, und bleibt doch nur ein Trittbrettfahrer. Ein Fan erkennt den ­anderen echten Fan sofort, auch wenn er die Kutte des Hassvereins trägt.“

So schnell kommen wir von der Liebe zum Hass. Dieser Schritt gelingt in Deutschland nirgendwo eindrucksvoller als im Ruhr­gebiet, in Dortmund, wo Borussias Erzfeind, der FC Schalke 04, die Fans gegen den ­Revier-Rivalen mobilisiert. Einst waren ­beide Vereine brüderlich ­verbunden, lange feierten sie sogar gemeinsam ihre Triumphe. Erst als 1963 die Bundesliga gegründet wurde, als im Kohlenpott der Niedergang des Bergbaus begann und sich proletarische ­Solidarität in Neid und Missgunst wandelte, wurden Freunde zu Feinden.

Heute weiß von dieser Entwicklung zwischen BVB 09 und Schalke 04 kaum noch einer, auch weil emotionale Kriege zwischen Clubs seit jeher ein Fressen für die Medien sind und entsprechend befeuert werden. ­Generell zeigt das Fernsehen heute gern die Nummer „Pyro-Ausschreitungen mit Bengalos“, v­ermischt Fußball- und Polizei­bericht, ohne auf die Hintergründe und Menschen einzugehen. Verallgemeiner­ungen, die Zuordnung zu Chaos und Gewalt, verdrängen die wundersame soziale Vielschichtigkeit der Fans aus dem öffentlichen Bewusstsein. In Fan-Blocks stehen Arme und Reiche, Gescheite und Dumme, Demokraten und Rassisten. „Die“ Fußballfans gibt es so wenig wie „die“ Deutschen oder „die“ Frauen – weib­liche Fans allerdings immer mehr. Wie überall kämpfen die Frauen auch beim Fußball gegen Vorurteile. Der Fußball spiegelt die Kultur eines Landes.

Der Journalist Gregor Schnittker ist ein Kenner der Fußballphänomenologie, soeben hat er mit Ulrich Hesse den Band „Unser ganzes ­Leben – die Fans des BVB“ veröffentlicht. Nach dem Vorbild amerikanischer Oral-History-Bücher lassen die ­Autoren Zeitzeugen zu Wort kommen: Geschichte aus dem Mund der Fans. Der ­Borussia-Fan Jan-Henrik „Janni“ Gruszecki, Jahrgang 1984, berichtet: ­„Eigentlich hätte ich 2004 Abi machen ­können, jedenfalls ­wäre das die ­normale Schullaufbahn gewesen. Spätestens bei den Vorbereitungen zur Abifeier aber wurde mir klar, dass ich ­unmöglich mit dem Motto ‚Abi 04’ rumlaufen kann. Meine damalige Freundin ärgerte mich, dass das ja echt witzig sei, dass ich 2004 Abi machen würde, ausgerechnet ich. Mit ihr war dann bald Schluss, und ich verschob meinen ­Abschluss.“

Janni ist nicht verrückt. Er hat getan, was ein Fan tun muss. Wer je zwischen den Achtzigtausend im Dortmunder Stadion ­gesessen, die Schwingungen gespürt hat und nach dem Abpfiff in die Realität ­dieser auf Fußball ein­geschworenen Stadt getaumelt ist, erkennt nicht ohne Neid: Fußball ist ­Heimat. Und das Fan-Sein Schicksal.

Der Stuttgarter Koch und Kneipenwirt Andreas Göz, 50, besucht seit siebenunddreißig Jahren alle Spiele des VfB Stuttgart. Als seine ­Eltern zum ersten Mal mit­einander ausgingen, führte sie der Weg der Annäherung ins ­Neckarstadion. Bald darauf verlobten sie sich an diesem Ort. Und der Sohn fügte sich seiner Bestimmung. Seine Kneipen wurden kleine Weihestätten des Fußballs, seine Wirtschaft Maulwurf im Stadtteil Vaihingen bedient als „Offizieller VfB-Treff“ die Fernsehlust der Fans auch in der neuen Saison, obwohl der Bezahlsender Sky die Gebühren für Lokale gnadenlos erhöht hat.

Nicht nur das Stadion, auch die traditionelle Fußballkneipe bringt einen Fankult hervor, der den Horizont des Normalsterblichen übersteigt. In seinem Buch „Tor zur Welt – Fußball als ­Realitätsmodell“ schreibt der Freiburger Kulturtheoretiker Klaus Theweleit: „Das ist überhaupt das Beste am Kneipenfußball; es stellt sich ein teilnehmendes Publikum her wie auf den Rängen im ­Stadion. Man gerät in Versuchung zu glauben, der Verlauf des Spiels werde von der Kneipenstimmung mit­bestimmt.“

Der Wirt Andreas Göz wird diese Zeilen unterschreiben. Sein Kneipenpublikum hat seinen Club schon oft zum Sieg gebrüllt. Er selbst benutzt den ­Begriff „Fan“ eher ungern, vielleicht auch, weil er während eines Lehrjahrs als Koch in London britische Fußballerfahrung sammelte. Anhänger englischer Clubs nennen sich stolz und traditionsbewusst „Supporter“, Unterstützer. Das Wort Fan kam erst in den sechziger Jahren nach Europa, zu einer Zeit, als die Beatles die Welt eroberten und die Popkultur auch den Fußball beeinflusste. Ursprünglich im amerikanischen Baseball zu Hause, hatten sich Fan-Clubs unter dieser Bezeichnung bald auch im Showgeschäft etabliert. In den zwanziger Jahren huldigten sie Hollywood-Stars wie ­Rudolph ­Valentino und ­Mary Pickford. Später brachten es Frank ­Sinatra oder Elvis Presley auf unzählige solcher Verehrer-Trupps. In Deutschland setzte sich der Begriff Fan im Fußball Mitte der sechziger Jahre durch. Zuvor hatte sich die Sportberichterstattung wie üblich bei der Militärsprache bedient. Im Stadion ging der „Schlachtenbummler“ um. „Anhänger“ klang zu bieder für die Vergötterungs­zeremonien. Fußball-Liebhaber wiederum nennt man Leute, die sich der Kunst der Stars hingeben, aber ohne festen Club als Emotionsnomaden leben.

Der wahre Fan liebt in erster Linie seinen Club und womöglich erst danach den Fußball. Die Qualität dieser Beziehung ist auch eine Frage der Ehre. Trotz seiner Blutsbrudertreue zum roten VfB zieht der Supporter Göz auch vor jenen ­armen Kerlen den Hut, die im ­B-Block des drittklassigen ­Lokal­rivalen Stuttgarter ­Kickers die blaue Fahne schwenken. Zu Respekt und Würde gelangt der Fan nicht durch die ­Zugehörigkeit zur sportlichen Handelsklasse A. Was zählt, ist die Haltung. Treue zum Club in jeder Lage.

Welche Ereignisse einen Menschen zum Fan machen, weiß keiner. Es braucht dazu keines göttlichen Zeichens von Franz ­Beckenbauer, keiner außer­irdischen Begegnung mit Maradona. Es reicht schon der verdammte Zufall, zur falschen Zeit am ­falschen Ort zu landen, um ­irgendeinen ­Fußballplatz zum Paradies zu verklären. Schmerz und Elend steigern nur den Rausch.

Es wäre allerdings dumm, die Situation der Fans romantisch zu deuten. Viele Elite-Clubs betrachten die Fankultur heute nur noch als folkloristisches Beiwerk in einem gigantischen Unterhaltungs­geschäft. Den Großteil des heutigen Event-Publikums interessiert nicht das Verhältnis von Star und Fan, wie es der große argentinische Spieler, Manager und Poet Jorge Valdano, 57, beschreibt: „Der ­permanente Dialog zwischen Spieler und Zuschauer während eines Spiels setzt eine Kommunikation voraus, in der ein wechselseitiger Prozess vorherrscht: Der Spieler bietet Fußballware an, und der Fan zahlt mit Zuneigung. Deshalb herrscht ­immer die Angst, nicht genug zu geben, und die Frustration, nicht genug zu bekommen.“

In diesem Spannungsfeld, wo Fan-Blocks zu Ersatzfamilien werden, bewegen sich auch Rattenfänger, etwa die Neonazis, die Dortmund zu ihrer „Hauptstadt der Bewegung“ ernannt haben. Nicht nur vor diesem Hintergrund ist die Beschäftigung mit der Fan-Szene eine politische Aufgabe. Arrogant und leichtfertig ist es, Fans wie die ­Ultras mit ihren hierarchischen Strukturen nur dann zu beachten, wenn sie in Konflikte geraten. ­Selten berichtet ein ­Reporter darüber, wenn Ultras in ihrem Stuttgarter Club „Freiraum“ die Choreografien zum Spiel ­erarbeiten. Die Gesänge und Requisiten, die den Arenen trotz aller Kommerzauswüchse noch immer ihre ­ einzigartige ­Atmosphäre geben: diesen Gefühls­taumel zwischen Weltuntergang und Marslandung. Der wahre Fan ist ein Mensch, der seinen Club liebt, weil er spürt und lebt, was der Spieler Valdano ­als Poet auf den Punkt bringt: „Trotz seiner Unsauberkeit und Verirrungen ist Fußball in erster ­Linie und im Wesentlichen ein Spiel. Deshalb ­handelt es sich um eine ernsthafte Sache.“



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