Bauers Depeschen


Dienstag, 30. Juli 2013, 1149. Depesche


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LIEBE GÄSTE,

wenn alles klar geht, findet am Samstag, 21. September (14 Uhr) - einen Tag vor der Bundestagswahl - auf dem Stuttgarter Schlossplatz die nächste Großdemo statt: gegen das Bahn- und Immobilienprojekt S 21 und die Politik, die dahintersteckt. Denkbares Motto: "Wir wählen den Protest!"

Wintersaison: Am Montag, 4. November, feiert der Flaneursalon im Theaterhaus sein fünfzehnjähriges Bestehen. Gäste: Los Santos (Stefan Hiss), Uta Köbernick, Roland Baisch, Toba Borke & Pheel - und vermutlich gibt es eine Stargast-Überraschung, wenn Dacia Bridges im Duo bei uns auftritt ... Vorververkauf im Theaterhaus.

Noch ein Ausblick ins vermeintliche Niemandsland: Am 10. und 11. Dezember arrangiere ich im Theaterhaus wieder "Die Nacht der Lieder", die 13. Benefiz-Show zugunsten der Aktion Weihnachten der StN. Für beide Abende im T1 sind die besten Karten schon weg - aber es gibt noch gute. Eric Gauthier moderiert, wir präsentieren acht Acts ...



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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



HOPFEN UND MALZ

Weil es zu heiß war zum Herumgehen und Schnüffeln, setzte ich mich am Leonhardsplatz in den Schatten und schaute zu, wie die Leute vor dem Brunnenwirt die Bügelflaschen mit Wulle-Bier öffneten. Es war der heißeste Tag des Jahres und unmöglich, sich zu bewegen.

Ich muss nicht dauernd durch die Gegend stiefeln, als gäbe es etwas Neues zu sehen. Wulle-Bier ist bei Gott nichts Neues, auch wenn ich später zu Hause in einer 2006 erschienenen Ausgabe des Buchs „Stuttgart zu Fuß“ diesen Eintrag fand: „Wulle werden wir nun nie mehr trinken können.“

Diese Prophezeiung hatte der Autor ­etwas voreilig hingetippt. Zwar sind in dieser Stadt längst Hopfen und Malz verloren, doch seit fünfeinhalb Jahren gibt es wieder ­Wulle-Bier. Die Flaschen werden von Dinkelacker vertrieben und mit den Daumen geöffnet. Nicht nur bei uns haben sie es zu nostalgisch gefärbter Beliebtheit gebracht. Ob ­Wulle-Bier nach Wulle schmeckt, weiß ich nicht. Dinkelacker hat sich die Marke 1971 einverleibt und sie später beerdigt. Der Firmengründer Ernst ­Wulle, 1832 in Nehren bei Tübingen geboren, liegt seit 1902 auf dem Pragfriedhof.

Friedhöfe sind an heißen Tagen kühle Orte, angenehmer als die Stuttgarter Parks, wo der Herumgeher nie vor Abrisskommandos sicher ist. Daran dachte ich neulich, als ich vom Rosensteinpark über die hölzerne Fußgängerbrücke nach Bad Cannstatt wanderte, unter mir der schöne Neckar mit seiner Hölderlinschen Silberwelle. Die Holzbrücke – wo Stiefelabsätze klangvoll klacken – wird Stuttgart 21 genauso zum ­Opfer fallen wie der Rosensteinpark-Steg auf dem Weg zum Neckar. Zum Glück haben Protestbürger die Brücken mit Abriss-Warnungen besprüht, damit ich meine Badehose an­habe, wenn mich die Fische im Fluss mit den Worten empfangen: „Wir wollen Wulle.“

Dass ich den Leuten beim Bügelflaschen-Öffnen zusah und dann beim Blättern mit dem Daumen im Fußgänger-Buch auf den Brauereigründer Ernst Wulle stieß, war Zufall. Ich suchte nicht nach Herrn Wulle, sondern nach Einträgen über die Kernerstraße und den Kernerplatz, um mich für eine Tour durchs Kernerviertel zu motivieren, irgendwann nach der Hitze. Der Flaneur sollte sich nicht vorbereiten, bevor er loszieht. Er muss die Dinge nehmen, wie sie kommen. Die Kernerstraße ist ja nicht unbekannt. Sie beherbergt beispielsweise das Türkische Konsulat mit seiner Endlosschlange vor der Tür. Auch Demonstranten steuern häufig das Kernerviertel an, seit die Menschen in dieser ­Gegend fürchten müssen, das Grund­wassermanagement für Stuttgart 21 könnte ihnen ihr Haus unter dem Hintern wegschwemmen. Ein Erdrutsch in einem mal­trätierten Kessel voller unterirdischer Pleiten und Pannen ist immer vorstellbar.

Es ist gute Ironie, dass ausgerechnet am Kernerplatz, in der Nachbarschaft des ­Hauses mit dem läppischen Namen „Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz“, das Umweltministerium steht. Schon sind wir wieder bei der Bügelflasche, weil das Ministeriumsgelände einst der Brauerei gehörte. Wulle war in der Neckarstraße zu Hause, das Gelände zog sich hinauf bis zum Kernerplatz.

Die ­Neckarstraße war mal eine feine Wohngegend; in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg lieferte sie erregende Kapitel aus dem Unterhaltungsgeschäft. Heute ist sie eine schändlich vergessene Feinstaubpiste, zum Glück eingesäumt von internationalen ­Läden, Kneipen und Handwerksgeschäften. Tapfere Leute wie der Schuhmachermeister ­Jaekel verteidigen an der Neckarstraße ihre Existenz. Die Kernerstraße hat weniger Anekdoten zu bieten als die Neckarstraße. Einen gewissen Ruf hat sie bei den Freiern, die im Haus Nummer vier den Puff heimsuchen. Das Bordell nennt sich „Modellhaus“ und ist marktstrategisch gut platziert. Bekanntlich haben Viertel mit Regierungshäusern immer Erotikbedarf. Wer liebt schon freiwillig Politiker. Bis hierher habe ich mich gut durch­gemogelt, ohne beim Gehen zu schwitzen. Eine Bügelflasche ploppt angenehm, wenn sie geöffnet wird. Bald werde ich den Knall als Startschuss nehmen und mit erhobenem Daumen ins Kernerviertel ziehen.



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