Bauers Depeschen


Donnerstag, 10. Januar 2013, 1039. Depesche


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SPAZIERGÄNGERS TAGEBUCH

Lieber zu weit gehen als gar nicht.



FLANEURSALON IM SCHLESINGER

Der erste Flaneursalon im neuen Jahr geht am Dienstag, 19. Februar, im SCHLESINGER über die Bühne. 20 Uhr. Erstmals mit UTA KÖBERNICK und ihrer Band Kritische Begleitung - und mit Dacia Bridges, Zam Helga und Roland Baisch. Karten gibt es in der Kneipe (Montag bis Samstag ab 17 Uhr). Tel 07 11 / 29 65 15



MIT VINCENT KLINK IN DEN WAGENHALLEN

Unter dem Motto "Der Häuptling spielt auf" gastiert der Meisterkoch und Basstrompeter Vincent Klink am Montag, 21. Januar, in den WAGENHALLEN. Begleitet wird er von dem New Yorker Bassisten Joe Fonda - für ihn wird dieser Abend veranstaltet - und seinem etatmäßigen Pianisten Patrick Bebelaar. Unsereins ist als vorlesender Gast dabei. Beginn 19.30 Uhr. Nach der Vorstellung werden Fleischküchle mit Kartoffelsalat serviert.



SOUNDTRACK DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



NEUES VOM KOFFER

Neulich stand ich in Bad Cannstatt vor dem Alten Hasen und las die Gedenktafeln am Haus. In dem Wirtshaus am Neckar ist am 18. März 1876 der Revolutionsdichter Ferdinand Freiligrath mit 65 Jahren an Herz­versagen gestorben. Leider gelang es mir nicht, im Interesse meiner Gesundheit zu ermitteln, was Herr Freiligrath vor seinem Ableben im Alten Hasen gegessen hatte.

Erstaunlich, wie viele revolutionäre Geister in dieser Stadt beheimatet und begraben sind. Dieser Tage lauschte ich in der Milieukneipe Jakobstube im Leonhardsviertel einem Vortrag über den 1807 dortselbst geborenen Wilhelm Zimmermann, ein Dichter und Bauernkriegshistoriker, Pfarrer und radikaldemokratischer Politiker.

Heute sagen manche Leute, die radikale Stuttgarter Linie, beeinflusst auch von einem gewissen Herrn Schiller, habe im 21. Jahrhundert grünen Politikern den Weg geebnet. Ein lustiger Gedanke. Genauso könnte man behaupten, Gottes Erfindung des Erdballs habe den VfB hervorgebracht.

In jüngster Zeit wurde ich mehrfach von Nicht-Stuttgartern gefragt, was sich in einer grün geprägten Stadt verändern ­werde. Ich sagte: nichts. Diese Antwort provozierte Kopfschütteln, man hieß mich einen schwäbischen Pessimisten und bohrte nach: Irgendwas müsse doch anders werden mit der grünen Revo­lution. Nach einer Weile, und weil ich meine Ruhe haben wollte, sagte ich: Vielleicht ändere sich der Ton. Womöglich verwende der grün gefärbte Mensch als Ausdruck des Wohlgefallens künftig öfter „arschcool“ als „Leck mich am Arsch“ – und bestelle im Wirtshaus seltener „Mohr im Hemd“ als „Schokotörtchen mit Migrantenhintergrund“.

Wohl wissend, dass vorheriger Satz ­rassistisches Gedankengut birgt, wende ich mich einem politisch korrekten Verb zu, das vornehmlich in Erste-Sahne-Kreisen gebraucht wird. Der fromme Landesvater Kretschmann hat es gerade dem rüden ­S-21-Sprecher Dietrich an den Kopf geworfen: Er lasse sich von ihm nicht „ankoffern“.

Das klangvolle, wenngleich schwer singbare Tätigkeitswort „ankoffern“ tauchte in der Vergangenheit immer wieder unter ­Grünen auf. Kretschmann benutzt es regelmäßig. Im Juni 2010 etwa forderte er den Regierungschef Mappus auf, den niedersächsischen Kollegen Wulff „anzukoffern“. Es ging damals um den Ankauf einer Steuerdaten-CD. Kretschmann wurde missverstanden: Sowohl Mappus als auch Wulff packten ihre Koffer.

Sie taten es nicht freiwillig, im Gegensatz zum ehemaligen Stuttgarter OB. Als der dieser Tage abging, ließ er sich von Steuergeld einen 25-Minuten-Film fürs Heimkino drehen: „Stuttgart auf dem Weg zur nachhaltigsten Stadt 1997 – 2013. Ein Spaziergang mit Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster“. Man findet das Werk auf Youtube. Als halbwegs ge­übter Flaneur zolle ich nach Sichtung der Doku dem stadtwandelnden Kollegen höchsten akrobatischen Respekt. Keinem anderen Spaziergänger ist es je gelungen, sich während einer Tour so nachhaltig die Stiefel lecken zu lassen.

Ankoffern ist voll angesagt. Der Duden kennt das Wort nicht. Und die Google-Suchmaschine spuckt – ohne Verweis auf die Grünen – nur das Verb „auskoffern“ aus. Dieses Wort hat seinen Ursprung angeblich im Französischen und bedeute in etwa: ausgraben, ausbooten, ausschiffen.

Als Kretschmann Dietrich mitteilte, er lasse sich von ihm nicht ankoffern, wollte er ihm sicher nicht sagen: Ich lasse mich von dir nicht ausschiffen. Vielmehr: Pass mal auf, Wüterich, du pisst mich nicht mehr an.

Diese Global-Player-Sprache versteht Dietrich nicht nur in seiner Eigenschaft als Multi-Unternehmer mit Firmensitzen in Leipzig und Hongkong. Der ungeschliffene S-21-Propagandist kennt sie auch als Investor des Weltklubs Stuttgarter Kickers. Mit Blick auf die Tabellen ist die Kacke dort nämlich schwer am Dampfen.

Alles spricht dafür: Das Wort ankoffern handelt vom Koffer, den man stehen lässt. Ein stehen gelassener Koffer gilt als Symbol für die Duftnote von Leuten, die ihren karrieregetriebeben Überdruck nicht steuern können. Man spricht in diesem Fall von Öko-Sündern. Von Leuten, die Abgase ungefiltert in den öffentlichen Raum blasen, ohne Rücksicht auf den noch nicht gänzlich verkümmerten Geruchssinn ihrer von Bio-Kost verweichlichten Mitmenschen.

Nach der Ausleuchtung von Kretsch­manns Sprachkoffer lässt sich der Aufstieg der Grünen nicht mit der Tradition des ­revolutionären schwäbischen Geistes erklären. Verantwortlich ist eine politische Dialektik, die der oberste Grüne lange vor dem S-21-Konflikt in den Bierkellern seiner Maoisten-Zeit gelernt hat: Wenn dich einer ankoffert, musst du dagegen anstinken. Heraus kommt der Furz im Wind.



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