Bauers Depeschen


Donnerstag, 08. November 2012, 1007. Depesche


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SALON INTIM

Am Montag, 26. November, gibt es in der UHU-BAR (Leonhardstraße) einen kleinen Flaneursalon mit dem Berliner Verleger/Autor Klaus Bittermann, mit dem Sänger/Songschreiber Zam Helga und der Sängerin Ella Estrella Tischa. 20 Uhr. Achtung: Die Spielstätte in Peter Pit Oskar Müllers Etablissement ist nicht größer als ein Wohnzimmer. Karten abends an der Theke.



SOUNDTRACK DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



ER WOLLTE DEN KRIEG VERHINDERN

Als der Präsident Obama in der Nacht zum 7. November die Wahl gewonnen hatte, sagte ich mir: Amerika wirst du ohnehin nie verstehen, kümmere dich weiterhin um die Dingen vor der eigenen Haustür. Das stört deine Lust auf amerikanische Bücher, Songs und Filme nicht im Geringsten.

Ich wohne nicht weit von der Lerchenstraße im Westen. Seit zwanzig Jahren denke ich immer wieder daran, wenn ich an der Hausnummer 52 vorbeikomme: Hier hat der Schreiner Georg Elser aus ­Königsbronn vom 6. auf 7. November 1939 bei seiner Schwester Maria und deren Mann Karl Hirth übernachtet und einen Koffer mit Meißeln und Bohrern zurückgelassen.

Am 8. November 1939 um 21:20 Uhr detoniert im Münchner Bürgerbräukeller eine Zeitbombe. Georg Elser hat sie gebastelt und in langer nächtlicher Arbeit in einer Säule des Saals eingebaut. Er will Hitler ­töten. Der Bombe fallen acht Menschen zum Opfer. Hitler überlebt. Wegen des schlechten Flugwetters hat er dreizehn Minuten früher als geplant den Keller verlassen.

Georg Elser wird am 9. April 1945, zwanzig Tage vor der Befreiung, im KZ Dachau von den Nazis ermordet. Mehr als vier Jahrzehnte wird es dauern, bis sein Name ­ ­wenigstens von Teilen der deutschen Öffentlichkeit wahr­genommen wird.

Heute, am Jahrestag des Anschlags, findet im Haus der Geschichte eine Gedenkveranstaltung unter dem Titel „Ich habe den Krieg verhindern wollen“ statt: eine szenische Lesung nach dem Verhörprotokoll der Berliner Gestapo. Der Abend gehört zur Ausstellung „Anständig gehandelt“.

Im Oktober 1989, fünfzig Jahre nach ­Elsers Tat, fuhr ich nach Königsbronn bei Heidenheim, um etwas über Georg Elser zu erfahren; keiner im Ort sagte, der Hitler­Attentäter Georg Elser habe„anständig“ gehandelt. Die meisten Leute wollten nicht darüber reden. Nirgends fand sich eine Würdigung des mutigen Mannes.

Ich war in Begleitung meines Vaters an­gereist, er wurde 1914 in Königsbronn geboren und kannte noch viele Leute. Ohne ihn hätte kaum einer im Dorf mit mir gesprochen, schon gar nicht der damals 75 Jahre alte Bruder Georgs, Leonhard Elser. „Den Stauffenberg ehren sie jedes Jahr“, sagte er verbittert, „den Georg nie.“ Die meisten Leute im Dort ächteten die Familie, ließen sie noch lange nach dem Krieg ihre Ablehnung spüren. In den Wirtshäusern tuschelte man über den „Verräter“.

Heute gibt es in Königsbronn ein kleines Elser-Museum und in Stuttgart die Georg-Elser-Staffel. Der Hollywood- Star und Regisseur Klaus-Maria Brandauer hat 1989 mit seinem Spielfilm „Georg Elser – Einer aus Deutschland“ einiges in Gang gesetzt.

Zu dem Abend im Haus der Geschichte lädt neben dem Georg-Elser-Arbeitskreis auch die Initiative für den Lern- und Gedenkort Hotel Silber. Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Haltung des Historikers Werner Jung, dem Direktor des NS-­Dokumentationszentrums der Stadt Köln; er engagiert sich stark für den Erhalt der ehemaligen Stuttgarter Polizei- und Gestapo-Zentrale Hotel Silber in der Dorotheenstraße, fordert einen „Lernort mit Dauerausstellung, Sonderausstellungen, Veranstaltungen, pädagogischen Angeboten einschließlich der Auseinandersetzung mit dem heutigen Rechtsextremismus“.

Die sich bei uns ausbreitenden Neonazis sind ein Thema, das nicht nur bei routine­mäßigen, oft allein der Gewissensberuhigung dienenden Gedenkfeiern unbeachtet bleibt. Dafür sprechen nicht nur die skandalösen Ermittlungen im Fall der rechts­radikale n Terrorbande NSU. Auch das ­Bewusstsein vieler Politiker ist geprägt von Ignoranz und schäbigem Parteikalkül.

Als es neulich beim Protest gegen einen Nazi-Aufmarsch in Göppingen zu Handgreiflichkeiten zwischen sogenannten Linksautonomen und der Polizei kam, verbreitete die Göppinger Kreisvorsitzende und CDU-Landtagsabgeordnete Nicole Razavi diese Erklärung: „SPD und Grüne … rollen antifaschistischen Schlägerbanden den roten Teppich aus, indem sie Kooperationen ­eingehen und Bündnisse mit linksextremen Gruppierungen schließen.“

Ich war in Göppingen, habe auch merkwürdige Auftritte der Polizei in fried­licher Umgebung erlebt, maße mir aber nicht an, über Schuld zu sprechen. Razavis Satz erinnert an sattsam bekannte Sündenbock-Propaganda. Schon deshalb muss man im Sinne des Historikers Jung Erinnerungen in den Kontext mit der Gegenwart stellen. So erst eröffnet sich die Chance, vor der eigenen Haustür aus der Geschichte zu lernen. Georg Elsers Geschichte führt mitten nach Stuttgart. Seine Schwester Maria und ihr Mann wurden ebenso von der Gestapo verhaftet wie seine Schwester ­Anna Hangs und ihr Mann in Zuffenhausen.

Bei der Veranstaltung am heutigen Donnerstag im Haus der Geschichte (19 Uhr) sind Nachfahren aus Georg Elsers Familie zu Gast. Geschichte lässt sich nicht so leicht verdrängen, wie es viele gern hätten.



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