Bauers Depeschen


Mittwoch, 08. August 2012, 959. Depesche


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NACHTRAG: Stuttgarter Kickers - Hallescher FC 0:0. Es reicht.



NOTIZ

Ich mache noch Kolumnenpause und fordere einstimmig:

Eine Brezel als Oberbrezelmeister.



FLANEURSALON LIVE, TV-AUFNAHMEN

Unsere nächste Lieder- und Geschichtenshow findet am Dienstag, 25. September, statt - im Club Speakeasy, Rotebühlplatz 11. Auf die Bühne gehen der Rapper Toba Borke und sein Beatboxer Pheel, der Sänger/Songschreiber Zam Helga sowie die Sängerin Dacia Bridges mit ihrem Gitarristen. Ach so: unsereins ist auch dabei. Beginn 20.30 Uhr. Ein Team des SWR-Fernsehens wird an diesem Abend Aufnahmen für einen "Nachtkultur"-Beitrag über den Flaneursalon machen. Karten gibt es für 12 €. Mit diesem Sonderpreis unterstützen wir eine neue Veranstaltungsreihe mit Stuttgarter Künstlern im Speakeasy. Vorverkauf im Plattenladen Ratzer Records im Leonhardsviertel (neben dem Brunnenwirt). Außerdem gibt es Tickets im Internet: EVENTBÜRO



SOUNDTRACK DES TAGES



ZWEI TOTE

Es ist Zeit, vor ihrer Verjährung von merkwürdigen Dingen in einer seltsamen Stadt zu berichten.

Jedes Jahr schwemmen Frühsommerfeiertage wie Himmelfahrt und Fronleichnam Dutzende von Brückentagsleichen in die Stadt. Meist liegen sie in Unterführungen und Straßenbahnen herum. Es war morgens um neun, ein Feiertag, als ich den Toten im Waggon entdeckte. Er lag mit dem Oberkörper quer über dem Sitz. Wohl im Sterben hatte er seine Füße akrobatisch auf dem Sitz gegenüber verknotet.

Die Straßenbahnfahrerin kam, sah den Mann und wollte ihn wecken. Sie rüttelte und schüttelte, redete auf ihn ein. Doch auch bei guter Gesundheit hätte er sie nicht verstanden. Sie sprach Sächsisch.

Nach der fünften Aufforderung, die F i e ß e vom Sitz zu nehmen, und der sechsten Frage, wo er hin wolle, war klar: Der Mann war tot. „Ich muss zum Pragfriedhof“, sagte er, und ich schwöre, ich habe diese Sache nicht erfunden.

Einen Tag später, die meisten Feiertagsleichen waren weggeräumt, ging ich von West nach Nord. Relenbergstraße, Wiederholdstraße, Herdweg. Was für schöne alte Villen. Vor einem Haus stand ein junger Kerl mit kurzen Hosen und Sandalen. „Entschuldigen Sie“, sagte er, „haben Sie vielleicht eine Kreditkarte, die Sie nicht mehr brauchen?“ „Mann“, sagte ich, „ich bin kein Villenbesitzer, ich habe nur eine einzige Kreditkarte, und die brauche ich zum Überleben.“ „Ich habe mich selbst ausgesperrt“, sagte die kurze Hose, „haben Sie nicht eine Karte, die Sie nicht mehr brauchen, damit ich die Haustür öffnen kann?“ Ich dachte, womöglich ein Einbrecher, noch nicht lange im Geschäft. Ich hatte Mitleid. Zwischen Zehnerkarte fürs Bad Berg und Straßenbahn-Abo fand ich in meinem Geldbeutel tatsächlich ein Stück Plastik. Die alte Dauerkarte für die Stuttgarter Kickers.

Mein Herz schlug schneller. Abgelaufene Kickers-Dauerkarten besitzen unschätzbaren Wert, besonders wenn sie wie meine die große Saison des Titelgewinns 2011/212 in der vierten Liga dokumentieren. Widerwillig, allein aus Solidarität mit der Zunft der Strauchdiebe, reichte ich der kurzen Hose die Karte. Der Kerl schaute die Plastikmarke an, dann mich - und stieß diesen folgenschweren Satz aus seinem Sackgesicht: „Äh, was ist das für ein Club?“

Auch diese Geschichte ist wahr. Falls Sie dieser Tage irgendwo im Norden über eine schwer identifizierbare Leiche in kurzen Hosen mit einer Kickers-Dauerkarte zwischen den gebrochenen Fingern stolpern, bedenken Sie mein Schicksal. Ich hatte keine Wahl. Es war eine Frage der Ehre, mein zweiter Toter in zwei Tagen.

An diesem Samstag spielen die Stuttgarter Kickers auswärts auf der Waldau gegen den VfB II. Anpfiff ist um 14 Uhr - und wer nicht kommt, ein toter Mann.



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