Bauers Depeschen


Mittwoch, 01. August 2012, 956. Depesche


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SOUNDTRACK DES TAGES



WERTE HOMEPAGE-GÄSTE,

die Anrede Gäste wähle ich, um das platzraubende "Liebe Besucherinnen und Besucher" zu umgehen. Gästinnen gibt es ja nicht, und ich weiß nicht einmal, ob diese Seite auch Frauen lesen. Heute habe ich allen Frauen und Männern Folgendes mitzuteilen: Seit vergangenen Montag habe ich Urlaub, er dauert zwei Wochen, damit ich Zeit für Hausarbeiten habe. Ich schreibe keine Kolumnen für die Stuttgarter Nachrichten und kann deshalb die Depeschen-Seite nicht mit neuer Ware bestücken. Es wäre schön, wenn mich ersatzweise die lieben Besucherinnen und Besucher dieser Seite mit Lesersalon-Beiträgen oder gar Gast-Depeschen eindecken könnten. Wer also glaubt, er habe einen Text für diese Seite parat, her damit.

Täglich wurstle ich jetzt einige Stunden zu Hause herum, um ein neues Kolumnen-Buch zusammenzustellen. Es erscheint im November in der EDITION TIAMAT BERLIN und wird am 18. 11. bei einem Flaneursalon im Theaterhaus vorgestellt. Zuvor ist der Flaneursalon im Speakeasy am Rotebühlplatz zu Gast, am Dienstag, 25. September. An diesem Abend wird ein Team vom SWR-Fernsehen aufkreuzen, um Bilder für einen kleinen Beitrag über unsere Lieder- und Geschichtenshow zu machen. Es gibt also genug zu tun, und der folgende Text, den ich beim Sortieren gefunden habe, erscheint garantiert nicht im Buch:



DIE BALLADE VON FINK

Eine Hamburger Firma für Management-Diagnostik, habe ich gelesen, hat das Bestattungsinstitut Haller als Stuttgarts besten Arbeitgeber ausgezeichnet. Ich bin nicht übermäßig misstrauisch. Aber dass die Firma, die das Beerdigungsunternehmen prämiert, ausgerechnet Sarges & Partner heißt, macht mich doch etwas stutzig. Früher hätte ich das Problem mit Freund Fink, meinem sprechenden Laptop, diskutiert. Aber Fink lebt nicht mehr. Ich habe ihn auf dem Müllhaufen der Geschichte beerdigt und danach vergessen.

Dass ich mich heute wieder an ihn erinnere, liegt an einem Sonntagsausflug. Ich hatte in der ehemaligen Arbeiterkolonie Ostheim zu tun. Gegenüber vom Wirtshaus Friedenau, Rotenbergstraße, stand ich vor einem kleinen Laden, er heit Stickerei Fink. Das Familienunternehmen wurde 1946 gegründet, später hat es sich auf modernen Automatenstickerei spezialisiert. Die Finks sticken Logos, sie könnten mir das K der Stuttgarter Kickers auf den Jackenärmel tätowieren. Ich las den Namen Fink, und er erinnerte mich an den Kerl, den ich Anfang des Jahrhunderts während meines Geklimpers auf einem Laptop in der rollenden Eisenbahn erfunden hatte, um einen Partner für Kolumnen-Dialoge zu bekommen. Es ist nicht leicht, als Spaziergänger Freunde zu finden. Oft trifft man nur Hunde.

Meinen sprechenden Laptop taufte ich nach der gleichnamigen Hamburger Country-Band Fink, ich hatte vor der Eisenbahnfahrt in Berlin erlebt. Dieses Ensemble, leider ist es ebenfalls schon begraben, spiegelte in düsteren deutschen Texten das ganze Leben.

Im Amerikanischen bedeutet Fink auch Verräter. In Anekdoten über Frank Sinatra hatte ich vom Hass des Sängers auf die Finks diser Welt gelesen. Entsprechend behandelte ich meinen Laptop. Wenn er nicht funktionierte, trat ich ihn mit dem Cowboystiefel, und manchmal ließ ich ihn zum Stromaufladen an einem Zeitungskiosk hängen, in der Hoffnung, er möge krepieren.

Fink war eine Leihgabe meines Arbeitgebers, und einmal wollte mein Chef ernsthaft von mir wissen, ob ich es für richtig hielte, Firmeneigentum an fremden Kiosken zwischenzulagern. Mann, sagte ich, du hast keine Ahnung, wer Frank Sinatra war und was ein Fink ist. Ein Fink singt, wenn ihn ein Bulle oder ein Blödmann namens Chef verhört. Ich nicht.

Mein Fink war eine Maschine und bereits 2004 so gut wie erledigt. In einer Kolumne kündigte ich an, den Kerl auf dem Elektroschrottplatz ins Jenseits zu befördern. Nie mehr danach habe ich so viele Leserbriefe erhalten wie damals, nicht einmal bei den übelsten Beschimpfungen der Finks aus dem Hauptquartier der S-21-Jubler. Eberhard Vollmer aus Hemmingen schrieb mir: "Erst Lap und top, / dann ex und hopp! / Das ist halt so bei jedem Strolch, / erst die Umarmung, dann der Dolch!"

Mit Strolch war ich gemeint, der Stadtstrolch, ich war jetzt der Verräter. Am Ende habe ich Fink (nach dessen Befinden mich noch heute der Bäcker und der Metzger fragen) bei einer älteren Dame in Pflege gegeben. Später versuchte ich ein Comeback mit Fink junior, scheiterte aber kläglich. Mir fehlte die emotionale Bindung zu meinem neuen Laptop, er hieß jetzt Notebook und war kleiner als Peter Maffay.

Dies alles ging mir durch den Kopf, als ich in Ostheim vor der Stickerei Fink stand. Ich dachte: Wenn man die Anfangsbuchstaben der Wörter Stickerei und Fink vertauscht oder durcheinanderbringt, kommt nichts Gutes dabei raus. Das Leben ist traurig. Kein Wunder, dass ein Beerdigungsinstitut Stuttgarts bester Arbeitgeber ist.



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