Bauers Depeschen


Freitag, 13. April 2012, 889. Depesche



ES IST SO WEIT:

FLANEURSALON bittet zum HAFEN-PICKNICK

HIER GEHT ES ZUM VORVERKAUF



FLANEURSALON IN OSTHEIM

Der nächste Flaneursalon findet am Mittwoch, 9. Mai, im historischen Wirtshaussaal der Friedenau in der ehemaligen Arbeiterkolonie Stuttgart-Ostheim statt. Es spielen Stefan Hiss, Roland Baisch, Anja Binder & Jens-Peter Abele. 20 Uhr. Karten: 07 11 / 2 62 69 24.



SOUNDTRACK DES TAGES



Weil im LESERSALON gerade Stuttgarter Vergangenheit lebendig wird, diese kleine Geschichte:



BEI KALLI

Es war die Zeit, als Brillen und Armbanduhren, Hemdenmuster und Koteletten gewisser Herren etwas größer ausfielen. Die Lederjacken der Damen waren umso enger, eng war auch die Stadt und vieles verboten. Um Mitternacht war Polizeistunde in Restaurants und Bars, wenn die Etablissements nicht gerade zum Altstadtmilieu zählten.

In der Hasenbergstraße, Ecke Rotebühlstraße, gab es eine Wirtshaus-Oase. Das Lokal hieß Pireus, in den sechziger Jahren wurde es berühmt, bis heute ist es unvergessen. Der Grieche Nico Kallergis und seine deutsche Frau Marianne hatten Stuttgarts erstes griechisches Restaurant 1955 eröffnet. Als unsereins in den Siebzigern das Pireus besuchte, sagte man nicht, wir gehen "zum Griechen". Wir gingen "zum Kalli".

So nannte man Jürgen Kallergis, den 1946 in Stuttgart geborenen Sohn der Wirtsfamilie. Er hatte mit seiner griechischen Frau Ritsa Mitte der sechziger Jahre den Tresen des rustikal gestalteten Restaurants übernommen und die Tradition des Vaters fortgeführt. Nico war ein Fußballnarr, rot vom Scheitel bis zur Sohle. Kallergis jr. schaffte es, die Rolle als VfB-Fan noch eine Spur schärfer auszulegen. Er besuchte alle Spiele, selbstverständlich auch die internationalen, eine Zeitlang war er quasi Griechenland-Botschafter des VfB. Das Pireus war die Entspannungsfiliale des VfB-Personals, für Clubchefs und Profis.

Als wäre das Lokal selbst ein Verein für Bewegungsspiele, entdeckten auch die Tänzer des Stuttgarter Balletts das Pireus. Seit 1961 war der Südafrikaner John Cranko, ein Griechenland-Liebhaber, Ballett-Direktor der bald weltberühmten Kompanie. Er wurde Stammgast im Pireus, in seinem Gefolge alles Stars der Kompanie.

Unter diesen Umständen ließ sich die offizielle Sperrstunde um Mitternacht nicht halten. Das wusste auch die Polizei. Mit dem zuständigen Revier im Westen wurde ein Friedensvertrag ausgehandelt. Wenn die Beamten nachts auftauchten, hob oder senkte Jürgen unauffällig den Daumen. Dann wusste "die Schmier" (so nannte man die Polizei), ob sich die Pireus-Gesellschaft aus ehrenwerten Gästen oder aufdringlichen Trittbrettfahren zusammensetzte.

Meist waren die Nächte lang, und es gab gutes Essen. Nach griechischem Brauch flogen zum Tanz auch mal die Teller, und John Cranko und seine Truppe schwebten über die Tische. Diese Herrschaften, damals noch nicht Vips genannt, zogen auch Journalisten an. Das Pireus war Treffpunkt von Fernseh- und Zeitungsleuten und der beste Umschlagplatz für harte Nachrichten und guten Tratsch. Kallis Tresen meldete einen VfB-Transfer zuverlässiger als "Bild". Und obwohl fest in roter Hand, richteten sich auch die Blauen, die Stuttgarter Kickers, ihre Pireus-Nische ein. Es wurde viel gefrotzelt. Trotzdem lebten Spieler und Anhänger beider Clubs in der Hasenbergstraße in friedlicher Koexistenz.

Die Symbiose von Sport-, Kultur- und Geschäftsmenschen währte lange. VfB-Stars wie Hansi Müller und Bernd Förster, Asgeir Sigurvinsson und Kurt Niedermayer gingen im Pireus ein und aus. Auch Filmgrößen waren präsent. Der Schauspieler Horst Buchholz, in Hollywood zu Ruhm gekommen, verabredete sich mit Kalli zum Skiunterricht in Graubünden. Schüler war der Grieche.

1986 starb Nico Kallergis, der Seniorchef. Er hatte ein John Cranko auf etlichen Griechenland-Reisen als Scout begleitet. 1989 gab die Familie das Lokal auf; Kalli arbeitete danach in einer Autofirma. Heute ist im ehemaligen Pireus das Wirtshaus Troll.

Jürgen Kallergis ist am 27. Juli 2010 nach schwerer Krankheit in Stuttgart gestorben. Seine Frau Ritsa war bei ihm. Er wurde im engsten Familienkreis auf dem Waldfriedhof beigesetzt.



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