Bauers Depeschen


Montag, 26. März 2012, 880. Depesche



NOTIZ

Meine 880. Depesche seit dem 29. März 2007. Und alles für nix und umsonst.



BLAUE NACHT

Am Ostersamstag, 7. April, veranstalten wir in der Werkstattbühne des Stuttgarter Autohauses ALBRECHT & DEFFNER am Olgaeck unsere „Blaue Nacht“, einen garantiert werbefreien Abend zu Ehren von Freunden der Stuttgarter Kickers (und nicht nur für Fußballfans). Stargast ist der große Ruhr-Poet und Kabarettist Fritz Eckenga; es ist mir eine Ehre, ihn in der Stadt zu begrüßen. Musik machen Roland „Countryboy“ Baisch und sein Gitarrenspieler Frank Wekenmann. Die Spielstätte ist Stuttgarts ältestes Autohaus, in diesem Gebäude hat einst Clara Zetkin gewohnt. Ich kenne den Ort und habe dort bereits mit einem Flaneursalon gute Erfahrungen gemacht. Der Vorverkauf läuft.



SOUNDTRACK DES TAGES



Die aktuelle StN-Bundesliga-Kolumne:



DEATH BLACK HEAVY METAL

Die existenziellen Fragen, ob Borussia am Ende vor Bayern ankommt und ein Sportverein aus Deutschlands einziger Weltstadt mit Blick auf Salzwasser absäuft, sind womöglich nicht die einzigen Gründe, uns am Fußball zu erfreuen.

Es gibt die denkwürdigsten Motive.

Am Freitag, dem 23. März 2012, verbrachten George der Grieche und ich gut zwei Stunden im B-Block der Stuttgarter Kickers. Dennoch gingen wir glücklich nach Hause. Schon vor der Umstellung auf Sommerzeit herrschte sinnlich geladenes Frühlingswetter, und wir mussten nicht wie sonst bis zur 88. Minute durchhalten, ehe wir eine weitere Segnung auf unserer Wallfahrt in die 3. Liga erhielten.

Schon nach 15 Minuten führten wir zweinull, auch weil der Schiedsrichter ein Tor des Gegners nicht gegeben hatte. Insgesamt war Herr Foltyn aus Mainz-Kastel ein fairer Schiri, denken wir nur daran, wie er in der vergangenen Saison drei Rote Karten und zwei Elfmeter gegen uns verhängte. Diesmal stellte er einen (1) Spieler von Greuther Fürth II vom Platz, und dies zu Recht, denn Fürth war unser Gegner.

Alle Fans im B-Block sangen mit Leidenschaft „Steht auf, wenn ihr Kickers seid“. Ein großer Gänsehaut-Moment, selbst angesichts der Tatsache, dass wir auf unserer Stehtribüne sowieso immer stehen – und aus Gründen des politischen Standesbewusstseins die neoliberalen Hinterbänkler auf der Haupttribüne ignorieren.

An diesem Abend sahen wir gute Kombinationen: schönen Fußball mit schnellen Pässen. Bei der Vorbereitung eines unserer vier Tore war sogar eine Hacke im Spiel, und so etwas erleben wir nicht alle Tage, auch nicht in der vierten Liga.

Es gibt Augenblicke, die uns den Fußball näher bringen, das ist keine Frage der Liga. „Das Wichtige ist nicht zu gewinnen“, hat uns der große argentinische Spieler, Manager und Poet Jorge Valdano gelehrt, „sondern zu spielen.“ Damit, auch weil das Duell zwischen Bayern und Borussia noch eine Weile dauert, komme ich zu einem neuen Buch, das uns den Fußball ein wenig verständlicher macht, auch wenn es mir unmöglich erscheint, ihn jemals zu begreifen.

Der deutsche Profi Moritz Volz, zurzeit beim FC St. Pauli beschäftigt, hat im Rowohlt Taschenbuch Verlag seine autobiografischen Erinnerungen „Unser Mann in London“ (9, 99 Euro) veröffentlicht.

Volz, 1983 in einem Dorf im Ruhrgebiet geboren, wechselte als Sechzehnjähriger von Schalke zu Arsenal und löste damit in der Branche eine Debatte über „Kinderhandel“ aus. Aus angehm defensiver, manchmal fast naiver Perspektive schildert er den Kulturschock eines jungen Deutschen in England, wo er nach seinen Lehrjahren bei Arsenal für den FC Fulham in der Premier League spielte. Seine Texte erinnern mich an einen Satz des französischen Autors Philippe Dubath aus dem Büchlein „Zidane und ich“: „Der Fußball hat mir ganz allmählich erklärt, wer ich bin: Ein Kind, das gern spielt, und ein Erwachsener, der es liebt, dieses Kind in sich zu spüren.“

Gute Fußballbücher sind eher selten. Volz ist einer, der in England neben Fußball vor allem Humor gelernt hat, und dafür müssen wir ihm so dankbar sein wie für die Einblicke in die Kultur der Profis: „Torhüter haben – neben ihrem grundsätzlichen Spleen, Torhüter zu sein – einen fatalen Hang zu True Power Death Black Heavy Metal oder wie immer dieser Krach heißt.“ Dass Volz nach einer satirischen Hommage an den Schnulzensänger David Hasselhoff seine deutsche Haut vor England Presse retten muss, ist eine weitere lustige Anekdote.

Auch wer Fußball mehr liebt als Popmusik, kommt auf seine Kosten, wie in diesen Zeilen über Arsenals großen Coach: „Wengers Training hatte nichts mit dem zu tun, was wir bis dahin kannten, egal ob wir aus Siegen-Bürbach oder Nordlondon kamen. Es bestand nahezu ausschließlich aus verschiedenen Kleinfeldspielen mit Ball, oft ohne Tore, bei denen es immer darum ging, das schnelle Passen, die Passfolge und die Laufwege zu trainieren. Die Idee dahinter war so simpel wie bahnbrechend: Je öfter ein Fußballspieler auf engstem Raum, unter schwierigen Bedingungen im Training, den Ball spielte, desto besser wurde er. Lange Ausdauerläufe, wie damals im deutschen Fußball üblich, gab es nicht.“

Sobald George der Grieche und ich nicht nur zu Kickers-Spielen, sondern auch zum Training gehen, kapieren wir den Rest.



FLANEURSALON LIVE

Der nächste Flaneursalon findet am Mittwoch, 9. Mai, im schönen Wirtshaussaal der Friedenau in Stuttgart-Ostheim statt. Es spielen Stefan Hiss, Roland Baisch, Anja Binder & Jens-Peter Abele. Vorverkauf siehe „Termine“. Auch in diesem Fall ist es ratsam, sich rechtzeitig um Karten zu kümmern, in Ostheim leben etliche treue Seelen.



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