Bauers Depeschen


Montag, 02. Januar 2012, 842. Depesche



DIE AKTUELLE STN-KOLUMNE von diesem Dienstag.



FLANEURSALON IM SCHLESINGER

Unser Abend am 21. Januar im Markt am Vogelsang ist ausverkauft. Der nächste Flaneursalon findet am Dienstag, 28. Februar (20 Uhr), im SCHLESINGER statt - mit Stefan Hiss, Dacia Bridges, Tobias Borke. Karten nur im Lokal (07 11 / 29 65 15).



NOTIZEN

Die StN-Kolumnen über die Olympiastadt Stuttgart und das Ende der Bäckerei Schmälzle findet man in den Depeschen vom 31. bzw. 30. Dezember. STN ONLINE sind weiterhin fleißig die Daumen-Drücker-Kolonnen der Pro-21-Abteilug am Werk. Diese Typen sind so dämlich, selbst die Sternchen-Wertung einer Kolumne mit der Ankündigung der Benefizshow "Die Nacht der Lieder" zugunsten der Aktion Weihnachten nach unten zu klicken. Zuletzt spielte die Veranstaltung einen stattlichen fünfstelligen Betrag für Menschen in Not ein. Der Vorverkauf für die nächste "Nacht der Lieder" am 12. 12. 2012 im THEATERHAUS läuft bereits. - An diesem Montag ist Neujahrsempfang der S-21-Gegner: um 18 Uhr bei der Demo am Südflügel des Hauptbahnhofs.



SOUNDTRACK DES TAGES



GASTBEITRAG (I)

Ein alter Freund, der Stuttgarter Fernsehjournalist GOGGO GENSCH, ist zurzeit bei Dreharbeiten in Mexiko. Hier seine erste Depesche aus der Hauptstadt:



MACHOS UND TACOS

Machisto a la parrilla, gegrillte Hoden vom Bullen, ist eine der Spezialitäten auf der Speisekarte der Bar de la Opera in Mexiko City. Wenn der Zócalo, der zweihundert mal zweihundert Meter große „Platz der Verfassung“, die Bühne der mexikanischen Nation ist, dann ist die nur unweit entfernte Bar so etwas wie die intime Zuflucht der mexikanischen Trinker. Seit ihrer Gründung 1870 hat sich nur wenig verändert. Lampen, Tresen, Mobiliar, alles scheint nur vom Staub befreit. Der legendäre Revolutionär Pancho Villa hat 1910 in die Decke der Bar de la Opera geschossen. Warum, weiß heute keiner mehr, aber das Einschussloch zeigen einem die Kellner voller Stolz.

Sie empfehlen, den Tequila vor dem Essen zu trinken, und servieren das 6cl-Glas standesgemäß mit einem scharfen Sangrita. Die in Deutschland verbreitete Sitte, den Tequila mit einer Prise Salz und einer Zitronenscheibe zu trinken, kennt in Mexiko kiner. In manchen Lokalen wird auch die patriotische Bandera serviert. Ein Glas Limonensaft, ein Glas Tequila und ein Glas Sangtita. Alles auf Ex und die Nation. Die Farben der Getränke, Grün, Weiß und Rot, sind die Farben der mexikanischen Nationalflagge. Ein schlauer Philosoph hat den Tequila einmal als das Schmiermittel des Machismo bezeichnet. Da ist vermutlich etwas dran. Denn Tequila ist das Getränk der Männer, während die mexikanischen Damen eher Margarita trinken, wenn überhaupt.

Pancho Villa selbst war zweifelsohne ein trinkfester Macho mit jeder Menge Frauen und ungezählten Kindern. Und er war wahrscheinlich ein Kind der „Prima Noche“. Wenn ein Gutsherr die Hochzeit eines seiner Bediensteten ausrichtete, gehörte ihm die erste Nacht mit der Braut. Ein klein wenig von diesen Zeiten schwingt immer noch in der Bar de la Opera, in den Tagen zwischen Heiligabend und la Nochevieja, wie Silvester hier genannt wird. Pancho Villa hätte heute immer noch gute Gründe, in der Bar de la Opera seine Pistole zu entsichern. Rauchen ist verboten und Punkt Mitternacht wird das Lokal geschlossen, die Gäste müssen gehen.

Vor der Tür ist es um diese Zeit immer noch laut und hektisch. Im nahen Alameda-Park wird auf dem Jahrmarkt die letzte Zuckerwatte verkauft, die Karussells drehen eine letzte Extrarunde, und die vielen Familien mit ihren übermüdeten Kindern drängen sich in die Busse. Auf den Straßenkreuzungen versuchen Clowns ein paar Pesos beiden staugeplagten Autofahrern zu verdienen, andere verkaufen ein paar Churros für die Nacht (Churros sind nichts anderes als in heißem Öl frittierte und dann mit Zucker bestreute Brandteigteile).

Laut, hektisch und grell ist es eigentlich immer und überall in dieser Stadt deren inoffizielle Einwohnerzahl die dreißig Millionen erreicht haben dürfte. Mit dem Taxi zu fahren ist die meiste Zeit völlig sinnlos, man kommt niemals pünktlich an, die Stadt ist ein permanenter Stau. Dafür funktioniert die U-Bahn erstaunlich gut, für drei Peso, umgerechnet achtzehn Cent, kommt man problemlos überall hin. Wer sich diesem Verkehrsmittel anvertraut, sollte nicht menschenscheu sein. Es ist dort mehr als eng. Ab fünf Uhr am Nachmittag haben immerhin die Frauen und Kinder einen Wagen für sich. Berührungen mit Machos sind damit ausgeschlossen. Die Bahn scheint relativ sicher zu sein. An allen Haltestellen stehen jede Menge Polizisten in schusssicheren Westen. Kameras überwachen die Stationen. Während der Fahrten kommen ständig Straßenhändler in die Wagen.

Vom Papiertaschentuch über Schlüsselanhänger bis zu Kaugummis und Feuerzeugen kann man alles kaufen. Und alles kostet drei Peso. Wenn man gleich zwei nimmt, fünf Peso. Leise ist es auch in der U-Bahn nicht. Immer wieder steigen neben Bettlern auch junge Machos mit umgeschnallten Lautsprechern zu. Laut tönt dann irgend ein Latino-Rap-Mix durch die Bahn. Der Sinn und Zweck dieser Übung hat sich mir bislang nicht erschlossen. Beim Aus- und Einsteigen hapert es gewaltig in der mexikanischen U-Bahn. Alle wollen sie gleichzeitig rein und gleichzeitig raus, es hat sich noch nicht herumgesprochen, dass es besser funktioniert, wenn zuerst die Menschen den Wagen verlassen und dann die neuen Fahrgäste einsteigen. Die Gier nach den wenigen Sitzplätzen siegt immer, und mehr als einmal kam uns beim Aussteigen eine Menschenwand entgegen. Dennoch, die Metro ist ein Segen beim Fortkommen in dieser Stadt, die nur schwer zu fassen ist.

Morgens werden wir regelmäßig geweckt von den Lautsprechern eines Dreiradfahrers: „Burritos, Tortillas, Quesilladas“ preist der gute Mann schon vor acht Uhr an. Die Nationalgerichte Mexikos werden an jeder Ecke an offenen Ständen oder in kleinen Eckkneipen verkauft. Ein mexikanischer Bekannter versicherte meiner Frau, dass ein Leben ohne Tortilla für einen Mexikaner nicht vorstellbar sei. Die Tortilla ist ein runder Fladen aus Maismehl. In solche Fladen wird Fleisch, Gemüse, Wurst oder Käse eingewickelt, in allen erdenklichen Varianten. Das sind Tacos.

Jeder Mexikaner hat sein ganz besonderes Familienrezept. Dazu gibt es immer verschiedene Soßen, Salsas, auch diese nach einem besonderen Rezept und nie ohne Chilli. Unsere Lieblingstacos essen wir in einer zur Straße hin offenen Kneipe mit Namen „Malinche“, ein paar Minuten von unserem Appartement entfernt. Für vierzig Pesos pro Person gibt es ein wunderbares Mittagessen mit Blick auf das Straßenleben. Malinche, die Namensgeberin der Kneipe, ist so etwas wie die Urmutter der Mestizen-Nation Mexiko. Sie war die Übersetzerin und Geliebte des spanischen Eroberers Hernán Cortés, der 1519 an der mexikanischen Küste landete. Mit den Maya verständigte sich Cortés über einen schiffbrüchigen Seemann, der einige Jahre mit den Indianern gelebt hatte. Doch im Gebiet der Azteken sprachen die Einheimischen Nahuatl. Die Maya schenkten den Spaniern eine Sklavin, Malinche. Sie sprach Maya und Nahuatl und lernte schnell Spanisch. Während der gesamten Eroberung Mexikos dolmetschte sie und erzählte Cortés von der prachtvollen Hauptstadt Tenochtitlán, dem heutigen Mexiko City. Mit Cortés hatte Malinche einen Sohn. Später reichte Cortés sie an einen Gefolgsmann weiter. Gestorben ist sie mit kaum dreißig Jahren, vermutlich an einer von den Europäern eingeschleppten Krankheit.

Geblieben ist von ihr der Begriff „Malinchismo“, was für den Verrat am eigenen Volk steht und das Haus, in dem sie gelebt hat. Es steht im Stadtteil Coyoacan, dem „Platz der Kojoten“. An diesem „Platz der Kojoten“ werden wir auch in der Nochevieja Tequila und Margarita trinken.

(Den nächsten Gastbeitrag schreibt "lift"-Chefredakteur Ingmar Volkmann aus Kalifornien/USA.)



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