Bauers Depeschen


Samstag, 24. Dezember 2011, 837. Depesche



LIEBE SALON-BESUCHERIN, LIEBER SALON-BESUCHER,

ein Song sagt mehr:



SOUNDTRACK DES TAGES



Gutes Fest!



SCHNEEMANN IM REGEN

Shane MacGowan sah nicht gut aus, als er am 5. Juli 2011 im Höhenpark auf dem Killesberg einen Hang hinunterstürzte, kurz bevor er mit seiner Band The Pogues auf die Bühne musste. Die Spuren seines irischen Lebens waren deutlich zu sehen an diesem heißen Sommertag, und die Fans fühlten sich wie an Weihnachten. Schließlich verdanken sie dem Sänger Shane MacGowan eines der schönsten Weihnachtslieder der Popgeschichte: „Fairytale Of New York“ („Märchen von New York“).

Weil Mr. MacGowan ein Punk ist, gibt es in diesem Lied über einen Dialog in einer New Yorker Ausnüchterungszelle wüste Zeilen über Penner, Schlampen und schlechte Träume. Es erzählt auch von der Hoffnung auf Liebe, und der Refrain ist herzzerreißend: „Die Jungs vom Chor des New Yorker Police Department haben ,Galway Bay‘ gesungen. / Und die Glocken haben geläutet zum Weihnachtsfest.“

Shane MacGowan weiß, wovon er redet. Geboren ist er am ersten Weihnachtsfeiertag. An diesem Christfest wird er, so Gott will, 54 Jahre alt.

Am Abend bin ich in meinem Viertel herumgelaufen und habe mir in der Imbissbude überlegt, woran man die Weihnachtszeit in der Stadt erkennt. Am Geschmack der prächtigen Zimtsterne, die mir an jedem Nikolaustag eine Nachbarin an die Türklinke hängt, am Gestank des Glühweins auf dem Weihnachtsmarkt, oder doch eher an der Musik.

Die Geruchstheorie gab ich auf, als ich in einem Drogeriefenster neben zwei weiß gepuderten Kunststoff-Tannenbäumen die Werbebotschaft las, ein Zimmer-Parfüm beschere uns „reinere, BEDUFTETE Luft“.

Angeduftet ging ich nach Hause, um zur Klärung der Lage eine Vinyl-Platte samt CD auszupacken, die ich an Weihnachten vor zwei Jahren gekauft, dann aber nie angerührt hatte. Lange plagte mich die Angst, die Platte könne mir den Rest geben, so wie Shane MacGowans Lady, wenn sie ihm im New Yorker Knast kein gute Zukunft prophezeit: „Ich bete zu Gott, dass es deine letzte Weihnacht sein wird . . .“

Meine lange nicht gehörte Platte heißt „Christmas In The Heart“, sie enthält fünfzehn amerikanische Weihnachtsklassiker, alle aufgenommen von Bob Dylan. Als das Album 2009 erschien (eine Benefiz-Scheibe für bedürftige Menschen), ging das große Gezeter los. Was sich der Meister erlaube. Ob er vollends durchgeknallt sei.

Was für dumme Fragen. Bob Dylan hat sich zeit seines Leben alles erlaubt, was ihm gefiel, und als ich die erste Seite gehört hatte, dankte ich dem Christkind, dass ich mir diese Platte schenken durfte.

Bob Dylan verkündet das Fest der Liebe hart und gurgelnd, als wollte er den Soundtrack für die sarkastischen Weihnachtsszenen in „True Crime“ mit Clint Eastwood nachliefern. „Santa Claus Is Coming“ wirft er uns mit lustigem Chor zum Fraß hin, „Little Drummer Boy“ ist – ta ram tam tam tam – sowieso nicht kaputtzusingen, und dann ist auch schon Weihnachten: „I’ll Be Home For Christmas“.

Dieses Lied von einem, dem die Lichter seiner Heimatstadt den Weg nach Hause weisen, bevor er in den Armen der Geliebten landet, behandelt im Grund den Kern aller Blues- und Countrysongs. Die Menschen wollen nach Hause, und zur Not bläst ein alter Haudegen noch einmal seine Blockflöte, weil er glaubt, er habe noch genügend Atem, um irgendwo anzukommen.

Sentimentalitäten gehören zu Weihnachten. Und es gibt Gefühle, die man nicht verstehen und schon gar nicht beurteilen kann. Wenn im Stuttgarter Weltweihnachtscircus auf dem Wasen die Frauen und Männer des nordkoreanischen Nationalzirkus von Pyongyang ihre wahnwitzigen Trapez-Flüge starten, hört man eine Instrumentalversion von „Those Were The Days“. Es ist kein Weihnachtslied, doch passt es wie bestellt. Mary Hopkin hat es 1968 mithilfe von Paul McCartney berühmt gemacht, es erzählt von einer verlorenen Liebe in den Tagen, als alles anders war. Wohl auch damals, in den Tagen vor der Oktoberrevolution 1917, als das Original des Lieds in Russland gesungen wurde.

Keiner weiß, was die Titelzeile („Das waren noch Zeiten“) bei den koreanischen Akrobaten auslöst. Mitten in ihrem Stuttgart-Engagement, am 17. Dezember, starb ihr Präsident Kim Jong-il, und im Zirkus stellte sich die bange Frage, wie es weitergeht. Die Artisten nahmen sich einen Tag frei für die Trauer um ihren Führer. Danach kehrten sie zurück in die Arena.

Es tut gut, Weihnachten in Liedern zu begegnen. Bis heute freue ich mich, weil ich vor ein paar Jahren eine CD mit sechzehn „Country Christmas Songs“ von sechzehn verschiednen Sängern für drei Euro fünfzig aus einem Ramschkorb fischte. Seitdem lasse ich sie als Eingangsmusik bei unserer Benefiz-Show „Die Nacht der Lieder“ laufen. Johnny Cash singt darauf „Christmas As I Knew It“: Weihnachten wie ich es kannte.

Die Weihnacht 2011 wird nass und trüb, wie wir es kennen, und das erinnert mich an Leonard Cohen, wenn er in „A Thousand Kisses Deep“ singt: „Du siehst, ich bin nur ein weiterer Schneemann / Stehe da im Regen und Matsch.“

Vom Bahnhof her glaube ich im Regen den Polizeichor zu hören, und Shane MacGowan singt in seiner Zelle: „Glaub mir’, es kommen bessere Zeiten, und unsere Träume werden doch noch Wirklichkeit.“ Die Leute steigen in die Züge, um rechtzeitig am Heiligen Abend zu Hause sein, und im Internet leiten ein paar synthetische Klänge aus „Stille Nacht“ die Weihnachtsansprache des Oberbürgermeisters ein. 4:36 Minuten wird er reden. Längst schlaf‘ ich in himmlischer Ruh‘.

(StN-Kolumne vom 24. Dezember 2011)



ACHTUNG, BALD AUSVERKAUFT:

FLANEURSALON IM MARKT AM VOGELSANG

Zuerst war es der Bauernmarkt im Westen, jetzt ist es der Markt am Vogelsang, und mittendrin ist demnächst der Flaneursalon: Unsere erste Lieder- und Geschichtenshow im neuen Jahr findet am Samstag, 21. Januar, zwischen Café-Theke, Bio-Produkten und Büchern statt. Es spielen Eric Gauthier & Jens-Peter Abele, Dacia Bridges & Gabriel Holz, Tobias Borke & Pheel. Beginn ist um 20 Uhr. - Der Vorverkauf ist gut angelaufen - es gibt nur noch etwa 30 Karten. HIER GIBT ES TICKETS



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