Bauers Depeschen


Samstag, 03. Dezember 2011, 825. Depesche



SOUNDTRACK DES TAGES

(Am kommenden Montag im Theaterhaus)



NOTIZEN

An diesem Sonntag kümmere ich mich zum 11. Mal um "Die Nacht der Lieder", die Benefiz-Show zugunsten der Aktion Weihnachten der Stuttgarter Nachrichten. Der Abend im Theaterhaus (19 Uhr) ist ausverkauft. Dann darf ich darauf hinweisen, dass der Flaneursalon einen Ausflug nach Waiblingen macht: Am Mittwoch, 14. Demember (20 Uhr), sind wir im Kulturhaus Schwanen zu Gast, und zwar mit Zam Helga, Roland Baisch, Dacia Bridges & Alex Scholpp. Außerdem hat der Vorverkauf für unseren ersten Flaneursalon im neuen Jahr begonnen - am Samstag, 21. Januar (20 Uhr), sind wir in der Bauernmarkthalle am Vogelsang. Im Aufgebot für die erste Veranstaltung an diesem schönen Ort im Westen sind Eric Gauthier & Jens-Peter Abele, Dacia Bridges & Alex Scholpp sowie der Klasse-Rapper Tobias Borke mit seinem Beatboxer Pheel.

HIER GEHT ES ZUM VORVERKAUF



FÜR DIE LITERATURBEILAGE der StN zu den Stuttgarter Buchwochen habe ich neulich ein Interview mit Heinrich Steinfest gemacht. - Heinrich Steinfest, 50, in Australien geboren, in Wien aufgewachsen, ist als Kriminalschriftsteller bekannt geworden. In diesem Genre glänzt er als eleganter Sprachkünstler. Der "Spiegel" nennt ihn einen "Meister". Der Autor lebt seit zehn Jahren im Stuttgarter Westen. Hier der Text unseres Gesprächs:



KEIN KASPERL, NUR KROKODIL

FRAGE (F): Herr Steinfest, wir sitzen bei Ihnen an einem großen leeren Tisch mit einem großen neuen Apple-Bildschirm, woran arbeiten Sie gerade?

HEINRICH STEINFEST (HS): Also der Tisch ist so groß, weil mein Kopf so voll ist. Und ich pflege an dem dünnen, kleinen Laptop dort drüben zu schreiben, der große Kasten ist für meine DVD-Sammlung. Derzeit konzipiere ich einen Roman, der wird anders werden als meine bisherigen. Das Erlebnis zweier zeitgenössischer Kinder, wobei mich Adalbert Stifters "Bergkristall" inspiriert hat. Es wird kein Kinderbuch. Der Erzähler ist ein Erwachsener, der sich gewissermaßen im Kind befindet und keine Dinge erzählen kann, die ein Kind nicht wissen kann. Parallel dazu werde ich einen anderen Roman, nämlich wieder einen Krimi, schreiben.

F: Wie muss man sich das vorstellen? Hier sehen wir Ihren Computer für die Kindergeschichte, dann gibt es noch einen zweiten für den Krimi in einem anderen Zimmer, und Sie wechseln ständig den Arbeitsplatz?

HS: Ich habe noch nie zwei Romane parallel geschrieben, das ist eine Herausforderung. Ich möchte das blockweise tun, in Kapiteln. Schreiben hat sehr viel mit Ordnung, mit Disziplin zu tun. Ich arbeite von morgens bis abends und habe meine Mittagspause. Ich bin der Bürotyp. Liebe allerdings auch Hausarbeit. Die Welt wäre besser, würden sich mehr Leute der Hausarbeit hingeben.

F: Welche Idee steckt hinter dem Doppel?

HS: Nachdem ich mich entschieden hatte, einen Nicht-Krimi zu schreiben, habe ich gemerkt, dass mein allgegenwärtiges Bedürfnis, Krimis zu schreiben, zu groß ist, um es ganz lassen zu können. Zweitens glaube ich, dass diese Art zu arbeiten die Chance birgt, immer wieder auf Distanz zur eigenen Geschichte zu gehen, sie neu zu reflektieren. Ich bin ja jemand, der sehr viel und durchaus zwanghaft schreibt. Ein bisserl ein Abstand kann da nicht schaden.

F: Sie hätten auch daran denken können, während des Schreibens Pausen zu machen. Bekanntlich haben Sie ein spezielles Verhältnis zur Pause, zum Innehalten.

HS: Absolut. Die Pause ist für mich ein Teil des Schreibens und der Dramaturgie. Pause bedeutet freilich nicht Nichtstun, Pause heißt nicht etwa Faulenzen beim Schreiben oder in Gedanken, womit ich nicht generell etwas gegen das Faulsein sagen will. In meinen Büchern ergeben sich Extraräume, ich leiste mir Raum zum Beschreiben, das ist meine Art von Pause.

F: Der Begriff Abschweifung ist negativ besetzt, im Sinne von Geschwätzigkeit.

HS: Durchaus, aber mir geht es um etwas anderes. In meinen Kriminalgeschichten interessiert mich nicht die klassische Lösung eines Falls, nicht die Überführung des Täters. Mich interessieren die Motive der Figuren, ihre Energiequellen, die Suppe, in der sie schwimmen. So will ich etwa wissen, was meine Figuren für Träume haben, wie sie von diesen Träumen beeinflusst werden, was sie bedeuten. Es ist ein gespenstisches Abenteuer, mich in einen fremden Kopf, in das Kabinett eines fremden Hirns zu begeben. Und da sind wir wieder bei der Pause. Mir geht es nicht um das Prinzip des Pageturners, also um die Methode, den Leser zum möglichst schnellen Umblättern zu animieren. Bei mir soll der Leser Lust bekommen, eine Stelle zweimal zu lesen, bevor es weitergeht. Ich habe da eine eigene Definition von Spannung.

F: Das Innehalten ist in unserem Leben etwas Anachronistisches.

HS: Mich erregt es, es provoziert im positiven Sinne, aber es verärgert auch. Die Ungeduld treibt uns an. Bloß übersehen wir dabei die Hälfte. Eine Hälfte, über die ich gerne schreibe.

F: Sie verlassen oft die Ebene, die wir Realität nennen. In Ihren jüngsten Kriminalromanen, "Wo die Löwen weinen" und "Die Haischwimmerin", tauchen Sie ein in unterirdische Welten. Einmal geht um eine antike Maschine unter dem Stuttgarter Schlossgarten, das andere Mal um einen unterirdischen Verbrecherstaat. Was sind das für Unterwelten?

HS: Keine, die etwas mit Fantasy oder Science-Fiction zu tun hätten. Ich bewege mich am Rand des Möglichen. Viele Dinge erscheinen einem nur deshalb irreal, weil man nicht weiß, dass es sie wirklich gibt. Ich versuche die Welt, wie ich sie sehe, mit fantastischen Elementen, man könnte auch sagen: mit legitimen Übertreibungen, zu präzisieren. Dennoch sind meine Unterwelten inspiriert von der herrschenden Realität.

F: Mich erinnert das an den Mythos der "Mole People", den Maulwurfmenschen in den USA, Obdachlose, die angeblich unterirdisch in New York leben, oder Arbeitslose, die einfach nur Pech hatten und in Las Vegas in Kanalsystemen hausen . . .

HS: So etwas hatte ich tatsächlich vor Augen. Unterwelt bedeutet ja auch Raumnot, dass man Menschen irgendwo hingedrängt hat. Daraus kann eine Kriminalität entstehen, die nicht prinzipiell auf Bösartigkeit, sondern auf Zwangsläufigkeit basiert. Ich gestehe meinem Verbrecherstaat in "Die Haischwimmerin" darum eine gewisse Würde zu. Beispielsweise sind ausgerechnet dort Morde und Waffen verboten, und zwar konsequent - anders als bei uns, die wir Mord untersagen, aber Waffen produzieren. Obwohl ich eine materialistische Schule durchlaufen habe, gibt es für mich die Existenz des Unsichtbaren, des Verborgenen. Ich nenne da oft das Beispiel vom Mann und dem Hund. Der Mann hat keine Ahnung, wer ihm hinter der nächsten Ecke auflauert, der Hund aber besitzt dank der Mittel seiner Wahrnehmung die Möglichkeit, es zu erahnen.

F: Das heißt, Sie sind der Hund.

HS: Genau. Als Schriftsteller bin ich der Schnüffler, der Detektiv, und ich bin skeptisch gegenüber dem, was man mir als Wahrheit, als Wirklichkeit verkaufen will. Mich fasziniert die Geschichte, in der die Realität etwas Geträumtes besitzt, und ich habe erfahren, dass meine Träume viel realer sein können als das, was mir als reales Leben eingeimpft wurde. Der Traum hat die Kraft einer Verdeutlichung, einer Kenntlichmachung.

F: Was meint ein Politiker, wenn er sagt: Wir müssen realistisch bleiben.

HS: Dass er nichts ändern will. Der Hinweis auf die Realpolitik ist eine reaktionäre Phrase. Man unterstellt Oppositionellen, keine Ahnung von Realpolitik zu haben, und behauptet gleichzeitig, Politiker hätten grundsätzlich die Fachkompetenz, nach dem Motto: Wir wissen, was wir tun. Dabei kennen die Politiker oft nicht die einfachsten Realitäten. Eine U-Bahn sehen sie nur, wenn eine U-Bahn eröffnet wird - ihr Lebensumfeld ist ein künstliches, inszeniertes, das hat nicht nur clowneske, sondern auch tragische Züge. Sie unterschätzen, wie im Fall Stuttgart, die Kompetenz "geistvoller" Bürger. Ich denke, dass vor allem die Alten, die nicht mehr in den Produktionsprozess eingebunden sind, über eine ideelle und intellektuelle Unabhängigkeit verfügen, die ihnen einen klareren Blick ermöglicht. Diesen Blick sollte man nützen, anstatt sich beleidigt im herbeigebeteten Sachzwang zu vergraben.

F: Was ist ein engagierter Schriftsteller? Einer, der wie Sie Reden bei Demonstrationen hält?

HS: Nein, es gibt nicht den engagierten Schriftsteller. Vielmehr kann ein engagierter Bürger auch ein Schriftsteller sein, einer, der die Möglichkeit hat, sich sprachlich gut auszudrücken. Heute herrscht unter vielen Schriftstellern die Angst, vereinnahmt, als Agitprop-Autor gesehen zu werden. Es gibt zurzeit unter deutschen Schriftstellern einen gewissen Objektivitätswahn. Das ist lächerlich. Objektivität gibt es nicht. Meine Aufgabe als Schriftsteller bedeutet, einen eleganten Weg zu finden, einen ungewöhnlichen Blickwinkel, eine originelle Perspektive auf gesellschaftliche Vorgänge zu entwickeln. Das heißt: Ich muss versuchen, die Dinge, auch die politischen, neu zu behandeln, anders über ein Thema nachzudenken, als es bisher üblich war.

F: Was fällt Ihnen zu den Bankenskandalen ein? Wie geht der engagierte Bürger Steinfest mit dem unterirdischen Weltcasino um?

HS: Er schreibt darüber. Etwa in der "Haischwimmerin": "Nichts gegen Schmarotzer, solange sie den Wirt am Leben lassen. Aber das ist nicht das Ziel der Banken. Sie wollen den Wirt tot sehen." - "Aber wenn der Wirt stirbt, stirbt doch auch der Parasit, oder?" - "Nein, die Bank ist schon vorher tot. Das ist sie von Beginn an. Sie überträgt den Tod wie eine Infektionskrankheit."

F: Inwieweit hat die Stadt, in der er lebt, Einfluss auf einen Schriftsteller? Sie sind ein Wiener in Stuttgart . . .

HS: . . . wichtig ist nicht die Frage: Wo befinde ich mich? Sondern: In welcher Situation befinde ich mich? Die Situation bestimmt meine Wahrnehmung. Wie viel Helles und wie viel Dunkles ich jeweils erkenne. Mein Stuttgart ist ein helles. Trotz allem.

F: Wie ist Ihr Zustand? Wenn ein Autor wie Sie Krimis schreibt, die Marktregeln ignoriert und sich lieber der Sprachkunst widmet, hat er es dann wirtschaftlich nicht schwer?

HS: Ich habe meine Nische gefunden und es mir dort gut eingerichtet. Das war freilich ein steiniger Weg. Heute bin ich dankbar für die komfortable Situation, das schreiben zu dürfen, was ich möchte, und ich kann Geld verdienen, ohne den Kasperl im Showbereich der Literatur spielen zu müssen. Es genügt, das Krokodil zu sein.



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