Bauers Depeschen


Donnerstag, 13. Oktober 2011, 801. Depesche



NACHTRAG: Stuttgarter Kickers - SC Pfullendorf 1:0

Schiedsrichter des Spiels war Herr Karl Valentin aus Taufkirchen.



DEMONSTRATION nach dem Vorbild von "Occupy Wall Street" an diesem Samstag auch in Stuttgart, ab 14 Uhr, Schlossplatz - siehe Depesche vom 8. Oktober



SOUNDTRACK DES TAGES



FLANEURSALON IN DER KIRCHE

Unsere letzte Stuttgart-Veranstaltung in diesem Jahr steht bevor: Am Sonntag, 30. Oktober (19 Uhr), gastieren wir auf Einladung in der Andreaskirche zu Obertürkheim. Dieses Haus bietet Platz für 400 Besucher. Stargast im Flaneursalon ist VINCENT KLINK, der Meisterkoch wird Texte vortragen und - begleitet von seinem Klavier-Virtuosen PATRICK BEBELAAR - Basstrompete spielen. STEFAN HISS ist diesmal mit seinem Trio LOS SANTOS dabei, DACIA BRIDGES spielt ebenfalls im Trio, und unverzichtbar im Gotteshaus ist The Master of the Universe MICHAEL GAEDT. Wir freuen uns auf die Atmosphäre und Akustik der Andreaskirche. Das Opfer an der Eintrittskasse hält sich in Grenzen.

VORVERKAUF siehe TERMINE.



Alles schreitet voran - hier ist ein Text, den ich neulich für die StN-Wochenendbeilage "Solo" gemacht habe:



DIE KUNST DES MÜSSIGGANGS

Von Joe Bauer

Bevor ich diese Zeilen geschrieben habe, bin ich am Morgen von meiner Wohnung hinaus auf die Straße, um Witterung aufzunehmen. Es war ein früher Herbsttag, sonnig und warm, die Zeit, die man bei uns Altweibersommer und in Amerika Indian Summer nennt. Für den Spaziergänger, den Stadtwanderer mit Hang zum Müßiggang, ist der Herbst Hochsaison. Im frühen Herbst verändert sich in der Stadt das Licht, das Licht verändert die Stadt. Die Blätter färben sich, aber noch nicht so heftig, als dass man die Depressionen des Winters spürte.

Es gibt Bücher über die unterschätzte Kunst des Lichts in Filmen, und der Umherwandernde, egal ob in der Natur oder in den Straßen, hat von der Magie des Lichts gehört. Ein Mensch, der sich eine Stadt erwandert, fühlt sich wie die Figur eines Films; er achtet auf den Soundtrack der City, auf die Bilder, und er hat Respekt vor dem Licht.

Der New Yorker Autor Leonard Michaels (1933-2003) schreibt in seinem Essay "Das Nichts, das nicht da ist": "Früher gab es Innen und Außen, Drinnen und Draußen, Mensch und Natur. Früher gab es Natur. Die Menschen traten aus dem Haus ins Licht der Natur. Früher gab es Licht." Diese Zeile fand ich in einem Buch über das Lichtgenie Edward Hopper, und ich würde sie nicht auf das Früher beschränken. Bei gutem Willen hat der Spaziergänger auch heute die Chance, aus dem Haus ins Licht der Natur zu treten, egal ob in Stuttgart oder New York.

Der Spaziergänger genießt keinen guten Ruf, schon gar nicht im Digitalzeitalter, wo man die Hinwendung zur Muße als esoterisch verachtet. Der Flaneur geht immer gegen den Wind. Die sich häufenden Berichte über die Burn-outs der Menschen verweisen zwar schuldbewusst auf das anstößige Wort "Pause". Aber gezielter Müßiggang, etwa die Ablehnung permanenter Online-Präsenz, gilt als unprofessionell. Undenkbar, einer unserer "gesellschaftlichen Leistungsträger" (was er wohl trägt?) könnte seinen Drang zur Besinnung wie der Dichter Adalbert Stifter gestehen: "Ich ging täglich eine Zeit herum." Mit diesen Worten eröffnet Stifter seine Spaziergänger-Miniatur "Begegnung im Wald".

Meine Erstversuche als Herumgeher mit dem Ziel, als Berichterstatter aus vermeintlichem Nichtstun Kapital zu schlagen, gingen daneben. Ich hatte dieses Geschäft unterschätzt, war nicht vorbereitet. Ziellos durch die Stadt zu strolchen in der Hoffnung, etwas zu erfahren oder zu erleben, bekommt erst einen Sinn, wenn man sich darin übt, neben den Beinen auch den Gedanken freien Lauf zu gewähren. Lange ging ich durch die Stadt, ohne zu merken, dass ich den Kopf nicht hob. In dieser Zeit sah ich die Stadt nur bis zur Gürtellinie. Kaum einmal war ich so klug, mir Geschäftsgebäude auch über den Schaufenstern anzuschauen.

Als mir aufging, dass ich so der Stadt nicht mehr abgewinnen konnte als ein Butterfahrten-Tourist, kaufte ich mir ein Fernglas. Heute dient es mir weniger dazu, Dinge auszukundschaften, die man mit bloßem Auge nicht sehen kann, als vielmehr zur Ermahnung, mir von Zeit zu Zeit in den Hintern zu treten, um den Hals zu recken.

Seitdem ist das Herumgehen eine angenehm anstrengende Arbeit. Bewusstes Herumgehen ohne Ziel schüttet mehr Glückshormone aus als ehrgeiziges Joggen in Wurstpellenklamotten. Der Flaneur macht einen zeitlosen Job. Zwar verändert sich ständig das Ambiente seines Arbeitsplatzes, nicht aber das Verhalten der Menschen, die ihm begegnen. Der große Berliner Flaneur Franz Hessel (1880-1941) schreibt in seinem Text "Der Verdächtige": "Langsam durch belebte Straßen zu gehen ist ein besonderes Vergnügen. Man wird überspült von der Eile der andern, es ist ein Bad in der Brandung. Aber meine lieben Berliner Mitbürger machen es einem nicht leicht, wenn man ihnen auch noch so geschickt ausbiegt. Ich bekomme immer misstrauische Blicke ab, wenn ich versuche, zwischen den Geschäftigen zu flanieren. Ich glaube, man hält mich für einen Taschendieb."

Sieht man heute den Flaneur schon nicht als Taschen-, so doch immer als Tagedieb. Flaneur übersetzt man mit Herumtreiber, Eckensteher, Penner. Diese Verachtung hat mit dem Verlust der Muße zu tun, obwohl selbst der erfahrene Spaziergänger leider selten so zweckfrei durch die Stadt geht, wie es die Philosophie des Müßiggangs verlangen würde. Ist der Stadtwanderer bewusst - nämlichen offenen Auges und ohne Ohrenstöpsel - auf Tour, gerät er aus der digitalen Welt hinein in die Geschichte einer Stadt. Dieses Glück widerfährt dem Lustwanderer nicht etwa, weil er mit einem Reiseführer in der Hand historische Gebäude oder Plätze identifiziert. Es ist die Neugierde, die ihn steuert als Detektiv.

Von der Münchner Stadtplanerin Sophie Wolfrum stammt die These, es sei hilfreich, die Komposition eines bebauten Raums mit der Komposition eines Musikstücks zu vergleichen. So wie Musik nicht nur aus Noten, sondern aus Pausen bestehe, zeichne sich eine Stadt nicht allein durch Gebäude, sondern durch freie Räume aus. Das bedeutet: Der sinnvoll angelegte Raum zwischen den Gebäuden ist genauso wichtig wie die richtig gesetzte Pause zwischen den Noten.

Eine solche Pause ist der Park - und der Park ein Ort, der als Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart dient. Man erfährt bei der Beschäftigung mit Freiräumen und Rückzugsgebieten etwas über die Menschen, die lange vor einem da gewesen sind, so wie jede Wanderung durch einen abgelegenen Stadtteil das Interesse an der Vergangenheit weckt. Seltsamerweise trifft man in jeder Stadt alteingesessene Einwohner, die viele Brennpunkte der Welt bereist, aber nie den höchsten Aussichtsturm ihrer Umgebung erklommen oder gar ein Schiff auf dem Fluss vor ihrer Haustür betreten haben. Dabei wäre es die schönste Belohnung des Stadtwanderers, sich nach getaner Arbeit ein weiteres Stück Stadt auf dem Wasser zu erschließen.

Der Stadtwanderer macht psychisch befreiende Lerngänge, das gilt selbstverständlich auch, wenn er sich illegale Autorennen auf Partymeilen anschaut, das Rotlichtviertel erkundet oder prüft, wie sich der urbane Geist einer Kommune im Kunstmuseum spiegelt. Aufschlussreich und beseelend sind stets die Friedhöfe. Der Umgang mit dem Tod spiegelt das Leben.

Falsch wäre es, dem Stadtwanderer zu viele oder zu genaue Tipps zur Hand zu geben. Der Flaneur sollte orientierungslos, ohne Karte und Navigator daherkommen, sofern er gewillt ist, sich sein Terrain mit der Kraft seiner Beine und der Wachsamkeit seiner Birne zu erarbeiten. Der Spaziergänger ist frei, nur sich selbst gehorchend, als sein eigener Herumstiefelknecht.

In diesem Sommer ist im Fischer-Verlag das schöne Buch "Auf buntbewegten Gassen - Literarische Spaziergänge von Schiller bis Kafka" erschienen. Was es mit dem Zusammenspiel von Stadt und Natur auf sich hat, erklärt darin Karl Gottlob Schelle (1777-1825): "Beide Arten von Lustwandeln, im Freyen der Natur und auf öffentlichen Spaziergängen einer Stadt, erfüllen den Zweck des Lustwandelns; nur erfüllt ihn jede nicht ganz. Es müssen beyde mit einander verbunden werden, wenn das Lustwandeln alle die Vortheile gewähren soll, welche sich davon für unsere geistige Existenz versprechen lassen."

Diese Sätze gelten, solange wir Wandern auf Schusters Rappen als geistiges Wandeln begreifen.



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