Bauers Depeschen


Dienstag, 15. Februar 2011, 673. Depesche



Es muss nicht immer Kaviar sein, die STN-Kolumne vom Dienstag:



BANDITEN VOM AMT

Es war Montag und die Welt zerstört. Vor meiner Haustür, in der Gutbrodstraße, haben die Straßenbautrupps schon vor Wochen den Belagerungszustand ausgerufen, vermutlich sind auch die Notstandsgesetze in Kraft. Die Männer mit den Helmen erscheinen zwar freundlich wie die Soldaten in Ägypten (wir grüßen uns jeden Morgen). Schlimm aber ist, dass inzwischen die psychologischen Kampftruppen der Provinzparteien angefangen haben, die Steckbriefe ihrer Repräsentanten auszustellen. Manche hängen, wohl zur Abschreckung, am Laternenpfahl.

Der Wahlkampf hat begonnen. Jeden Morgen begegne ich Frau Krueger, CDU, und Herrn Perc, SPD. Auch die FDP hat Plakate gekleistert, allerdings eher etwas Neutrales mit heterosexueller Familie, rosiger Zukunft und so. Der Weg zur Straßenbahn ist seitdem so vertrauenswürdig wie ein unbeleuchteter Flur von Stammheim.

Heute Morgen kam es knüppeldick. Am Hölderlinplatz waren extrem viele Parkplätze zugestellt. Auf den kostbaren Parkstreifen - an vielen Abenden friedensstiftend und lebensrettend - stand schweres Gerät der Lakaien von "Soko Stuttgart". Zwischen den Bussen und Trucks hatte man eine Imbissbude aufgebaut. Ich lasse mal offen, ob man den Kiosk zur Verpflegung des Teams oder als inhaltsschwere Kulisse benötigt. Deutsche Bullen in deutschen Fernsehkrimis stopfen ja bis zum heutigen Tag Currywürste, Pommes rot-weiß und sonstigen Fast-Food-Müll in sich hinein, ehe sie den Kiosk-Chef anbäffen: "Schreib an, Mehmet." Das ist cool.

Ein Tag, der so beginnt, kann nichts werden. Es ist keine Aussicht für einen Mann, morgens zwischen Frau Krueger, CDU, Herrn Perc, SPD, und den Chargen von "Soko Stuttgart" Slalom zu laufen. Wenn ich Zeit gehabt hätte, wäre das Fressbudenfett mitsamt den Wahlplakatständern und der ähnlich hässlichen Hölderlin-skulptur explodiert. "So sehen gute Kriminalfilme mit politischem Hintergrund aus", hätte ich gesagt - und Bruce Willis hätte den Rest erledigt.

Es wird jeden Tag enger im Westen, enger als für den VfB und in Schanghai. Beim Spazierengehen zwischen Wahlplakaten und "Soko"-Fuhrpark läuft man neuerdings Gefahr, die Wahrzeichen des städtischen Raubrittertums zu rammen. Auf den ersten Blick sehen die Dinger aus wie Notrufsäulen, auf den zweiten erkennt man sie als Abzockmaschinen im Verkehr, die einarmigen Banditen vom Amt.

An den mannshohen Geld-Automaten am Straßenrand entdeckt man das aufgedruckte Unwort "Parkraum-Management", und man muss nicht Kommunikationswissenschaftler sein, um die Alarmglocken zu hören. Management ist ein anderes Wort für Staatsterrorismus. Wir kennen den Begriff aus dem Wörterbuch der Manipulation als Grundwasser-Management. In Amerika nennt man den Terroristen-Knast Communication Management, und ganz ähnlich verschleiert man üble Stuttgarter Wegelagerei als Parkraum-Management. Selbstverständlich werden, wie in jedem korrupten System, Persilscheine ausgeteilt: Parkzettel für Anwohner mit Auto. Aber wie immer in solchen Fällen geht unsereins leer aus. Das könnte zwar daran liegen, dass ich kein Automobil besitze. Was aber ist mit den Millionen Autobesitzern und Cabriofahrerinnen, die beschließen, mich für ein paar Stunden heimzusuchen? Sie könnten so wenig zu mir vordringen wie die Oma zu den Nachbarskindern. Das Parkraum-Management würde sie finanziell ruinieren. Ich stürbe an Einsamkeit und die Kinder an Verwahrlosung.

Unpolitische "Soko"-Bullen interessieren solche Fälle nicht, die stopfen sich lieber mit Pommes rot-weiß selber das Maul, ohne die Parkraum-ManagementMinen auch nur eines Blickes zu würdigen. Und während sie noch ihre Currywurst mit Schaschliksoße verdauen, genießen sie wie all dieses Mediengesindel städtische Parkfreiheit und staatliche Filmförderungsmittel. Das ist ihr Judaslohn für schmutzige Propagandadienste.

Bei der nächsten Wahl rechnen wir ab.

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