Bauers Depeschen


Donnerstag, 03. Februar 2011, 666. Depesche



Hier ist die StN-Kolumne vom Dienstag dieser Woche, vor lauter Kampfrede (665. Depesche) ging sie unter, ich finde sie gar nicht so schlecht. Die StN-Kolumne "Kompass im Kopf" steht inzwischen stn online



IMMER WIEDER SONNTAGS

In diesem Winter straft einen die Stadt mit verletzender Kälte, sobald man etwas von der Stadt zu sehen wünscht. Es war Sonntag, und ich ging in die Stadt, um nachzuschauen, ob es den alten Sonntag noch gibt. Würde man den Sonntag weiterhin als Ausnahmezustand und, wie früher mit radikaler Dagegen-Haltung, als Feier- und Arbeitspausentag begreifen, hätte dies mit der grassierenden Fortschrittsfeindlichkeit in der Stadt zu tun.

Als Erstes fiel mir auf, dass die Leute mit der seit langem herrschenden Kälte nicht zufrieden sind. Sie protestieren in Massen: Die Kälte peinigt uns schon zu lange, sagen sie, die Kälte muss weg! Demonstrativ setzen sich die Menschen am Schlossplatz auf die Bänke und tun so, als regiere der Sommer. Ein echter Stresstest.

Der Himmel am Sonntag war zwar blau und die Sonne im Einsatz, auf die Temperaturen aber hatte dies keinen Einfluss. Es war so kalt, dass ich für meinen üblichen Waldlauf am Sonntagmorgen im Dachswald zum ersten Mal im Leben lange Unterhosen angezogen habe. Diese scheußlichen langen Beinkleider nennt man heute im Sportbereich nicht mehr Unterhosen; fortschrittliche Marketingleute sprechen von "Funktionsunterwäsche".

Zwar hat nach meiner Einschätzung jede Unterwäsche eine Funktion, auch dann, wenn sie nicht getragen wird. Doch mit dieser Sicht der Dinge dringe ich in den Bereich der Erotik ein, und da geht es um etwas anderes, als mit klassischen Liebestötern - sie waren dunkelblau - im kalten Wald das Gemächt zu wärmen.

Am Schlossplatz, wo ich mir über die Existenz des Sonntags Gedanken machen wollte, standen alle Zeichen auf Fortschrittsfeindlichkeit und Zukunftsverweigerung. Das Café im Königsbau im ersten Stock mit der lüsternbestückten Großmutter-Kulisse war brechend voll. Also ging ich hinüber ins Café Schlossblick, einem Club-ähnlichen, mit coolen Sesseln, niedrigen Tischen und Unterhaltungsbühne ausgestatteten Ort für Jung und Alt. Auch hier war jeder Stuhl besetzt, bis auf den Tisch eines jungen Mannes. Als ich mich niederließ, atmete ich durch: Der junge Mann bearbeitete virtuos seinen Laptop (Klapprechner), während ich wie alle anderen Apfelkuchen mampfte. Gott sei Dank, dachte ich, endlich einer, der begriffen hat, dass Gott den Sonntag nicht für Faulenzer erfunden hat. Man käme sich sonst vor wie sonntags beim VfB. Dann eilte der junge Mann aufs Klo, seinen Klapprechner ließ er kampfbereit mit offenem Visier zurück.

Seit einiger Zeit frage ich mich, ob es noch ein klassisches Wochenende gibt, einen Samstag mit Fußball und Fusel und einen Sonntag mit Sonntagsbraten und Sonntagsschuss. Selbstverständlich wollen Sie wissen, warum ich im zukunftsorientierten Stuttgart den altertümlichen Begriff Wochenende benutze. Das moderne Wochenende heißt längst Weekend. Erich Kästner hat einen Text darüber geschrieben. In seiner "Entwicklungsgeschichte des deutschen Sonntags" behandelt er "eine in England und Amerika weit verbreitete Mode": das "Weekend". Das Weekend - laut Kästner ein "Naturgenuss ohne Wandern" - wurde zu einer Zeit nach Deutschland importiert, als Tennis & Golf, Landhäuser & Autos ungefähr so bekannt waren wie Coca-Cola. "Nichtsdestotrotz wurde das Weekend in Deutschland eingeführt", so Kästner. "Keine der Voraussetzungen war erfüllt. Doch das Weekend kam an."

Die Ankunft des amerikanischen Weekends in Deutschland, dies zur besseren Einordnung, geht nicht auf Antibabypille und Starbucks, sondern auf die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg zurück. Es ist deshalb an der Zeit zu prüfen, was aus dem deutschen Weekend nach neunzig Jahren geworden ist. Es kann nicht sein, dass die Bürger wie zu Kaiser Wilhelms Zeiten in langen Unterhosen durch die Wälder laufen, in Parks und Cafés abhängen, während sich der Fortschritt in Funktionswäsche hüllt.

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