Bauers Depeschen


Donnerstag, 27. Januar 2011, 664. Depesche



NOTIZEN

Leider habe ich in diesen Tagen keine Zeit, neue Depeschen zu liefern - auch die Kolumnenarbeit ruht. Urlaub! Also nehme ich etwas Unterhaltungsstoff aus der jüngeren Vergangenheit. Vergangenheit ist in Stuttgart inzwischen ein Unwort. Auch das Wort Geschichte steht auf dem Index der Betonfraktion - Geschichtsbewusstsein ist fortschritts- und zukunftsfeindlich, sagen die Geschichts- und Gesichtslosen. Am Samstag ist Großkundgebung, am kommenden Montag die Routine-Demo um 18 Uhr vor dem Hauptbahnhof - da trage u. a. auch ich was vor. Der Lebenslügner Don Draper sagt in "Mad Men" über den Nachwuchs in seiner Branche: Die Jungen wissen nichts. Die wissen gar nichts. Die wissen nicht mal, dass sie jung sind...



DIE ZERSTÖRTE MARTIN

Von selbstverliebten Musikkritikern liest man oft den Satz, der Song X des Sängers Y habe ihnen das Leben gerettet.

Es ist cool, mit Selbstmord zu kokettieren.

Johnny Cash konnte ich früher nur nachts hören. Seine späten Songs, die er von 1994 an auf den "American Recordings"-Alben eingespielt hat, haben mir bei Tageslicht den Tag versaut. Da war ich nüchtern. Nachts spendeten die Lieder Trost, und im Morgengrauen war ich voll und bereit, in der Hölle die Melodie von "Walk the Line" zu pfeifen und zu tönen: Wer Johnny Cash gehört hat, hat sich dem Tod gestellt.

Johnny Cash hatte neun Jahre vor seinem Tod entschieden, mit dem Produzenten Rick Rubin und seiner Gitarre noch einmal ins Studio zu gehen, und bald darauf liefen die Heuchler zu ihm über. Leute, die ihn zuvor als unterbelichteten Cowboy, als reaktionären Amerikaner mies gemacht hatten. Vorzugsweie tauchten diese Penner aus ihren Löchern auf, als "Walk the Line", ein Liebesfilm, in den Kinos lief.

Vor einigen Jahren fand an einem Sonntag im Stuttgarter Filmhaus eine Tribute-Matinee zu Ehren Johnny Cashs statt. Es waren nicht viele Leute da, und neben mir saß zufällig Stuttgarts oberster und amtlicher Kneipen-Inspizient Gerhard Goller. Das erhärtete meinen Verdacht: Die letzten Cowboys sitzen im Ordnungsamt (inzwischen ist Goller, der auch in Woodstock war, in Rente).

Bei der Veranstaltung waren unter anderem TV-Szenen einer Peter-Alexander-Show zu sehen: der österreichische Schlagersänger auf dem Bock einer Pferdekutsche neben Johnny Cash, zusammen trällerten sie ein Lied. So geht Rock'n'Roll.

Im Jahr 1983 gastierte Johnny Cash in der Böblinger Sporthalle. Wenige Tage vor der Show kam ein Mann mit einer defekten Gitarre ins Stuttgarter Musikhaus Hans Schweizer. Er war der Bote von Johnny Cash. Der Sänger hatte in Skandinavien sein Instrument gegen einen Mikrofonständer geschlagen. Ein Stück war herausgebrochen. Hans Schweizer, damals in der Christophstraße im Gerberviertel ansässig, war in der Musikerszene berühmt für seine US-Importe und seinen Service. Er brachte die Westerngitarre, eine Martin, zu einem Geigenbauer in die Schwabstraße. Der Mann (er wohnt heute nicht mehr in Stuttgart) reparierte Johnny Cashs Gitarre so kunstvoll, bis von dem Schaden nichts mehr zu sehen und zu hören war.

Am Tag der Böblinger Show, am 4. November 1983, brachte Hans Schweizer - er residiert heute an der Ecke Wilhelm-/Olgastraße - die Martin in Johnny Cashs Garderobe. Der Sänger prüfte das Stück und bat seinen Tour-Manager, die Rechnung zu begleichen. Der Manager fragte: "Wollen Sie das Geld in bar?" Schweizer antwortete: "Heißt der Mann Johnny Cash oder Johnny Scheck?"

P. S.: In den Stuttgarter Nachrichten war nach dem Böblinger Konzert zu lesen: "Die großen Zeiten - sie sind auch für Johnny Cash vorbei."

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