Bauers Depeschen


Montag, 22. Februar 2010, 452. Depesche



ACHTUNG, ES GIBT NOCH KARTEN:

Flaneursalon: Mittwoch, 24. Februar, 20 Uhr, Theater Rampe

Tickets: 0711 / 620 09 09 - 16. - www.theaterrampe.de



STUTTGART IM SPIEGEL DER PRESSE:

„Alles was in und um Stuttgart als jung, frisch, flott gelten will, lässt sich auf dem Kleinen Schlossplatz sehen und führt seinen Besuchern vor, dass selbst in einer Stadt, in der Boutiquen und Bars immer etwas exterritorial wirkten, nun eine Mini-City für die Posters, Schallplatten, Halsketten, Lederröcke und sonstige Jugendalibis entstanden ist; dass niemand sich wundert, wenn ein Baby auf dem Barhocker gefüttert wird." (Aus einer "FAZ"-Ausgabe des Jahres 1969)



Kolumnen in den Stuttgarter Nachrichten

(Baustellenhinweis: Wegen Relaunch-Arbeiten kommt es derzeit zu Verzögerungen)

Leserbriefe zu den StN-Kolumnen bitte an: j.bauer@stn.zgs.de

LESERSALON



Friendly Fire:

www.kessel.tv

www.bittermann.edition-tiamat.de



Aus meinem Buch "Schwaben, Schwafler, Ehrenmänner - Spazieren und vor die Hunde gehen in Stuttgart":



MIT LAIB UND SEELE



Die Deutschen leiden an einer Krankheit. Sie lachen seit Jahren, dass es nicht mehr gesund ist. Die Leute sitzen in Vorstellungen aller Art und warten erregt, bis es was zu lachen gibt. Wenn es nichts zu lachen gibt, sind sie beleidigt und lachen trotzdem, damit keiner sieht, dass sie beleidigt sind. Die Lachkrankheit, eine Folge der Comedy-Epidemie, ist so schlimm, dass sich kein Kulturveranstalter mehr traut, seinem Publikum etwas ohne Lacher vorzusetzen. Im Zweifelsfall baut der Regisseur in Schillers „Don Carlos“ ein Zitat auf Schwäbisch ein: „Gäbet Se Gedanke umsonscht.“ Operette sich, wer kann.

Das Publikum kommt mit einer Lacherwartung und schießt sich während der Vorstellung so sehr aufs Lachen ein, dass ein Teil sich auch dann noch hörbar den Lachsack krault, wenn längst Trauer herrscht. Das Publikum lacht, weil es Angst hat, Lacher zu verpassen.

Die Lachkrankheit ist weiter verbreitet als Demenz. Passend wurde das Erste Stuttgarter Comedy-Festival im Jahr 2009 mit diesen Parolen angekündigt: "... seit einigen Jahren wächst die Lust auf Ausgelassenheit, Lachkrämpfe und Freudentränen. Comedy ist Trend. Nix mehr mit ,Zum Lachen in den Keller gehen'. Amüsiert zu werden ist planbar geworden ... Frohsinn gegen Eintrittskarten – so leicht kann das sein!"

Und selbst im Glücksgeschäft mit den armen Seelen setzt man auf den Lacheffekt. Kurz vor Himmelfahrt hingen in der Stadt Plakate mit der Botschaft: „2 Tage humorvolle Lebensplanung: mit Jesus höchstpersönlich. Die Ideen, der Lebensstil, die Konsequenzen: Zuletzt lachen“. Verantwortlich für den Humor des Herrn zeichnet die Sekte „Hoffnung Deutschland“.

Einst hat ein Radfahrer seinem Kollegen Jan Ullrich auf der Piste geraten: "Quäl dich, du Sau." Heute sagt mein Nebensitzer im Theater: "Lach doch, du Sau."

Die gefährlichste neue Volkskrankheit ist nicht die Schweinegrippe. Wir verrecken an der Lachzwangneurose.

Als wichtigstes Symptom dieses Leidens gilt das Wortspiel, oft Kalauer genannt. Ente gut, China Food. Kalauer kommen an beim Publikum, und mancher Kunde im Rasiersitz des Sprachfriseurs hält es für „Wortakrobatik“, wenn ein Provinzkomiker einem Langmähnigen Haarakiri empfiehlt. Der Kunde ist darüber so begeistert, dass er nach einem Ausflug auf die Haarway to Hell für eine Radikalkur bei „My Hair Lady“ bezahlt. Mit der branchenüblichen Vollglatze eines Türstehers ausgestattet, erhält er eine Grußkarte seines Cut Arts Beauty Shops: „Fröhliche Weihnachten und ein gesundes neues Haar.“

Nachdem man mich nach meinem Mord an dem Kartenschreiber verhaftet hatte, spotteten die Knastkollegen über meinen greisrunden Haarausfall. Sie nannten mich Kahlauer. Und weil ich bei der Schlägerei danach zwei Zähne verlor, war ich auf dem Weg zum Zahnarzt dental schlecht drauf. Nachts tauchte ich in meinen Träumen als kahl geschorener Henker auf (,,Ich beziehe ein Pro-Kopf-Einkommen") und litt an Mordgedanken: "Mari lyncht Monroe". Rein psychisch saß ich im Bus ohne Wiederkehr.

Das Thema Kalauer beschäftigte mich wieder mal, als die Wände der Stadt mit Plakaten von "Brot für die Welt" tapeziert wurden. Auf dem Poster sah man eine Schale mit einer Handvoll Reis. Daneben war zu lesen: "Weniger ist leer".

Es ist so weit, sagte ich mir, mit Kalauern kämpft man heute nicht nur gegen den Humor, er stillt auch den Hunger. "Weniger ist leer" kommt womöglich gar nicht so schlimm daher, der Satz streift in Verbindung mit der Abbildung die Wahrheit, und über eine Handvoll Wortspiele freut sich auch der listige Satiriker Wiglaf Droste: " . . . dieser Mann gibt alles", schreibt er über einen Auftritt des Musikers Joe Jackson, "aber weniger wäre ein Meer der Erleichterung und Freude".

Vom selben Autor gibt es eine Glosse über Kalauer, er schwärmt von "der herrlichen Marlon Brandung", vom Schriftsteller "Herzstrittmatter" und von sich selbst als "Gatte macchiato". Das kann in Mecklenburg schon mal "vorpommern", wenn man, wie Droste sagt, „drei Euro pro Kalauer für die Rente“ sammelt.

Nach dem Tod gibt es keine Leber. Ob "Brot für die Welt" mit einem Wortspiel gut beraten ist, kann ich nicht beurteilen. Ich habe ein Aber gegen Wortspiele, und wer A sagt, muss auch Bäh sagen.

Als ich vor dem "Brot für die Welt"-Plakat in der U-Bahn-Station stand, wollte ich sofort auf Buddhafahrt, landete jedoch, frei nach den Sketchen der inzwischen aufgelösten Comedytruppe Die Kleine Tierschau, auf „Kopftuchfühlung“ mit meinem muslimischen Zuckerbäcker und stand am Ende ratlos schwäbelnd im fernen Afrika: "Kenia gar nedda."

Ähnliches wäre mir beinahe in Japan passiert. Da bin ich aber zum Glück nicht Nagano. Ich gehe auch nicht nach Spanien: Madrid sich dauernd auf die Füße. Und gleicht kommt das Matator des Monats, und es heißt auf Schwäbisch: "Corrida Vorhang endlich aufmache, Senor? Oder senor ita fertig?" Da lacht auch der zugekokste Bazi, in Münchner Bars als Running Geck bekannt.

In Stuttgarter Vorortbereich bleibt einem der Heslacher im Halse stecken, wenn man im Gais-Burger King die Flinte ins Korntal wirft, weil der schlimme Hedelfinger einen Untertürkheimer baut. Soll ich das wiederholen?

Kemnat in Frage. Zweideutigkeit ist des Kalauerbäckers Laib und Seele. Nackte Wahrheit aber ist der Name eines Haarschneiders am Stuttgarter Stöckachplatz. Das Geschäft heißt Friseursalon Härle.

KOMMENTAR: LESERSALON



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