Bauers Depeschen


Mittwoch, 13. Januar 2010, 426. Depesche



Nächster Flaneursalon: Mittwoch, 24. Februar, Theater Rampe

Karten: 0711 / 620 09 09 - 16.

Kolumnen in den Stuttgarter Nachrichten - die neue ist schon da



BETR.: TEXTE GESUCHT – FOLGE 5



In der Depesche vom 5. Januar habe ich angekündigt, etwa zwei Wochen lang Texte von fremden Autoren (Depeschen-Lesern) auf meine Seite zu stellen, weil ich selbst nicht tippen darf, rechter Arm geschient. Die mir gemailten Beiträge werden nicht verändert oder korrigiert. Jeder kann mitmachen. Kommentare sind erwünscht, das Ding heißt INTERnet und nicht dead end street: „Kontakt

Heute eine kurze Geschichte, gemailt von Elisabeth Berries, Mutter & Hausfrau aus Marbach am Neckar:



GRENZWANDLER



VON ELISABETH BERRIES



Nach einigen Tagen im neuen Jahrzehnt, erinnere ich mich noch klar und deutlich an den Silvesterabend 2009. Am Fernseher saß mir Frau Kanzlerin Merkel gegenüber, bekleidet mit randloser Brille und rotem, drei-schwarz-Knopf Jupperl. Sie erinnerte sich verzückt an den Mauerfall 1989 und ihren ersten Gesamtdeutschen-Silvester in Hamburg vor genau zwanzig Jahren. "Ihre unmittelbare Erinnerung an die Kraft der damals gewonnenen Freiheit". Sie, soll uns Mut machen, mit Blick auf das neue Jahr und das nächste Jahrzehnt.

Tiefgreifend sind, mir, noch immer meine Einreisen in die ehemalige DDR präsent. Im Besonderen ein Tagesausflug von Berlin-West nach Berlin-Ost, zu Beginn der Achtziger. Der Grenzübergang Bahnhof Friedrichstrasse Berlin glich zu DDR-Zeiten einem grauenhaft gespenstischen Dungeon, vereinigt mit den schallenden Anweisungen durch die marode Lautsprecheranlage. Das Bahngebäude war durch eine bis zur Decke reichende, jeden Blickkontakt verhindernde Wand aus Metallplatten zwischen den Bahnsteigen geteilt, sozusagen der verlängerte Arm der Berliner Mauer. Der Ausblick zur Friedrichstrasse war ebenfalls durch einen Sichtschutz verbarrikadiert. Unter dem Bahnhofshallendach befanden sich angeblich ein Beobachtungsbereich, sowie Videoüberwachung und verdeckte Ermittler. Kein guter Ort für Selbstmordattentäter. Allerdings gab es hier in einem Verbindungsgang zwischen West und Ost den sogenannten Ho-Chi-Minh-Pfad. Eine Agentenschleuse, durch die u.a. auch einige Angehörige der RAF in die DDR flüchteten.

Es war damals Frühsommer und dennoch wehte uns Gästen ein eiskalter Ostwind entgegen. Der Weg des Grauens führte weiter in eine Zwischenetage, dem eigentlichen Grenzübergang mit Passkontrolle, Zollkontrolle, Warteräume, Verhörräume, Arrestzellen und Büroräumen, Kasse für die Visagebühr und Wechselstelle für den Mindestumtausch. Im Bahnhof wimmelte es nur so von männlicher und weiblicher DDR-Grenzpolizei in ihren blau-grauen Livreen. Damals begleitete mich eine West-Berliner-Großcousine, die mir eindringlich an Herz legte, hier, mein loses Mundwerk unter Kontrolle zu halten. In einer dunklen, ungemütlichen Abfertigungskabine empfing mich, grußlos, eine Grenzpolizistin, zum Ritual der Zoll-und Einreisekontrolle. Für einen Tages-Stadtbummel in Berlin-Ost war ich nur mit einer Handtasche ausgestattet. Die Dame von der Grenzpolizei kippte den wenigen Inhalt meiner Tasche auf ihren kleinen Schreibtisch. Mein Lippenstift funkelte nun glitzernd vor sich hin und hatte es ihr dadurch wohl sehr angetan. Gesunder Menschverstand ist nicht jedermanns Sache, mürrisch zog sie dem Kosmetikutensil die Kappe ab, drehte den Lippenstift auf und musterte ihn kritisch. Mein bisher auf Stand-by-Funktion geparkt loses Mundwerk ging auf Ansage. "Behalten sie ihn einfach, wenn ihnen mein Grenadine-farbiger Lippenstift mit Glitzereffekt so gut gefällt" schlug ich ihr vor. Flugs wurde ich in einen der zuvor erwähnten Räume gewiesen, wahrscheinlich einem der Verhörraume. Der wurde für ca. zwei Stunden zu einem Einzel-Warteraum umfunktioniert, ganz für mich allein. Meine Großcousine habe ich dann beim Alex wieder getroffen, sie hatte ihre vom Regime gestattete Stunde, oben, im Drehrestaurant bereits abgesessen. Am Abend zurück in Berlin-West, spürte ich die Kraft der damals wiedergewonnenen Freiheit.

Seit zwanzig Jahren sind wir nun ein Volk, Mitbürgerinnen und Mitbürger von Frau Kanzlerin Merkel. "Offen im Geist jung zu bleiben" forderte sie uns stolz in ihrer Silvesterbotschaft 2009 auf. Auch die ehemaligen DDR-Grenzpolizistinnen und Grenzpolizisten, entseelte Grenzwandler, die "Offen im Geist jung geblieben" sind.






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