Bauers Depeschen


Donnerstag, 27. August 2009, 370. Depesche



NACHTRAG: Sehr schöner, vielschichtiger Abend am Mittwoch beim Auftaktkonzert des Stuttgarer Musikfests in der Liederhalle. Sinfonieorchester und Big Band, beide mit gutem Swing. Erstmals geht das Festival an verschiedenen Spielorten der Stadt über die Bühne: von der Liederhalle über mehrere Kirchen, die Wagenhallen bis zum Theaterhaus. www.musikfest.de



BETR.: ROLF MILLER, COMEDIAN & SPORTSMANN



Habe mir ein paar Tage Arbeitspause verordnet, dazu gehört auch der Depeschen-Dienst. Regelmäßig spreche ich mit dem Kabarettisten Rolf Miller, 42, über Fußball und das andere Leben. Das folgende Interview erschien in den Stuttgarter Nachrichten. Weil es bisher nicht im Netz stand, jetzt als Depesche:



"OPTIMISMUS IST MANGEL AN INFORMATION"



Der Kabarettist Rolf Miller lebt in Stuttgart, zuletzt hatte der Polt-Schüler mit seiner Show "Kein Grund zur Veranlassung" großen Publikumserfolg. In erster Linie, sagt er, fühle er sich als Sportler, dann erst als Komiker.

Frage (jb): Herr Miller, die Bundesligasaison hat begonnen. Auf der Bühne machen Sie keine Fußballwitze, weil Fußball, wie Sie sagen, ein zu ernsthaftes Thema ist. In diesem Interview sprechen Sie als Fußballfachmann. Es gibt Milliarden Fußballfachmänner.

Miller: Ja, jeder, der sich mit Fußball beschäftigt, gibt seinen Senf dazu. Ich glaube, dass heute 90 Prozent der Stadionbesucher und sogar der Leute, die sich beruflich in den Medien dazu äußern, nichts oder nur wenig von Fußball verstehen.

jb: Woran liegt das?

Miller: Den meisten Leuten geht es beim Fußballschauen nur ums Gewinnen. Sie betrachten eine Partie wie einen Spielautomaten, allerdings ohne die Momente des Zufalls und des Glücks emotional oder intellektuell zu begreifen. Hauptsache, man gewinnt. Der Rest ist ihnen wurscht. Das ist zum Verzweifeln.

jb: Wie wird man Fußballfachmann?

Miller: Durch genaues Hinsehen, das ist das ganze Geheimnis. Auch etwas Praxis schadet nicht unbedingt. Ich bin mit dem früheren Bayern-Profi und Trainer Klaus Augenthaler befreundet. Neulich haben wir uns bei einem Kindertraining zum Spaß die Bälle zugespielt, er trifft abwechslungsweise mit beiden Beinen zu 100 Prozent genau. Ich zu 80 Prozent. Das ist der Unterschied zum Profi.

jb: Augenthaler war 1990 als Libero mit dem DFB-Team Weltmeister, galt aber nicht gerade als Technikvirtuose.

Miller: Seine Präzision, seine Power und sein harter Schuss, den er als 51-Jähriger hat, hauen mich um. Der Kerl ist ein Tier, und er hat Ahnung. Ich sage zu ihm: Mann, ist der Spieler X schnell, und er antwortet: Das siehst du falsch, der Spieler X ist nicht schnell, er hat nur eine hohe Schrittfrequenz.

jb: Als Trainer ist Augenthaler gescheitert.

Miller: Wer bei uns nicht auch verbal verbindlich in die Kameras lächelt, ist kein guter Trainer. So werden Selbstdarsteller gefördert. Wir mögen beide keine Selbstdarsteller.

jb: Was heißt genaues Hinsehen beim Fußball?

Miller: Ich schaue mir oft alte Spiele auf DVD an, und ich bin immer aufs Neue fasziniert, obwohl ich weiß, wie es ausgeht. Das ist, als würde ich meinen Lieblingsfilm anschauen, Joel Coens absurde Komödie "The Big Lebowski" mit Jeff Bridges. Da entdecke ich auch jedes Mal Neues. Ich weiß nicht, wie oft ich das Halbfinalspiel von 1990 zwischen Deutschland und England schon gesehen habe. Deutschland gewann nach 1:1 in der regulären Spielzeit im Elfmeterschießen. Ich beobachte eine Spielszene und denke: Was wäre passiert, wenn Augenthaler den Pass nicht nach links, sondern nach rechts geschlagen hätte? Dann schaue ich zufällig auf die Ersatzbank und bleibe an der Frage hängen: Warum hat der Trainer den Spieler X nicht aufgestellt? Hätten wir mit ihm womöglich verloren? Dieses Spiel ist für mich spannend bis heute.

jb: Damit sind wir in der Gegenwart. Was halten Sie von dem Spieler Alexander Hleb, der zum VfB zurückgekehrt ist?

Miller: Generell bin ich ein Fan von Spielern, nicht von Vereinen. Ich stehe auf Typen wie Pierre Littbarski, Mehmet Scholl, Bernd Schneider und Karl Allgöwer. Allgöwer habe ich 1978 beim VfB gegen Bayern gesehen. Unvergessen. Alexander Hleb hat zwei Eigenschaften, die man selten gleichzeitig findet: Er ist ein großer Techniker und ein großer Kämpfer. Sein Trainer Babbel muss aufpassen, dass Hleb nicht alles allein macht wie Ribéry bei den Bayern. Aber Babbel ist ein guter Typ, er wird sagen: Bleib mal stehen, hole Luft. Er weiß, wie wichtig Regeneration für einen Spieler ist. Der größte Spieler zurzeit ist für mich Cristiano Ronaldo in Madrid, und bei ihm kann ich sehen: Der bremst sich oft bewusst selbst, er könnte noch mehr machen, wenn er wollte.

jb: Babbel, sagen Sie, sei ein guter Trainer. Woran erkennen Sie das?

Miller: Der wirkt auf mich wie früher Beckenbauer. Er gibt den Spielern das Gefühl: Passt mal auf, es gibt überhaupt keinen Zweifel, dass wir gewinnen werden.

jb: Die Optimismus-Nummer ist ein alter Hut. Klinsmann ist damit gescheitert.

Miller: Bei Babbel ist das anders. Er hat die nötige Distanz zu seinem Job und ist trotzdem mit dem Herzen dabei. Und er kennt die Regel: Optimismus ist Mangel an Information.

jb: Sind Sie gut vorbereitet auf die Saison?

Miller: Nein, ich blicke immer erst am vierten, fünften Spieltag durch. Das ist auch egal, viele Transfers gehen ohnehin erst während der Saison über die Bühne. Ich bin einer, der langsam in die Liga hineinwächst. Zuletzt habe ich die Spiele meines 14-jährigen Sohns in einem Fußball-Leistungszentrum in Berlin verfolgt. Das ist genug Praxis.

jb: Warum?

Miller: Profifußball ist so etwas wie die Legalisierung des Kindbleibens. Im Grunde stehen da noch viele Kinder auf dem Platz. Viele von ihnen dürfen erst mit 35 richtiges Leben lernen. Das heißt: Viele Kinder sind heute Profis und viele Profis Kinder.

jb: So gesehen gibt es viel Kindergeld.

Miller: Maradona verdiente in der Relation weniger als heute Cristiano Ronaldo, hatte aber noch mehr Attitüden.

jb: Herr Miller, bald gehen Sie mit Ihrem neuen Comedy-Programm "Tatsachen" auf Tournee. Was sagt uns der Titel?

Miller: Es geht um den Verlust genauer Wahrnehmungen. Wenn ich auf der Bühne sage: "Die Grünen sind aus der RAF hervorgegangen", wundert sich darüber niemand.

jb: War es umgekehrt?

Miller: Würden die Leute auch glauben.

jb: Wie ist denn Ihre Wahrnehmung? Gehen Sie überhaupt ins Stadion?

Miller: Immer wieder, ja. Manchmal nimmt mich der Comedy-Kollege Django Asül mit, oder ich werde eingeladen. Ich liebe den Einzug der Gladiatoren, die Musik, das Schauspiel.

jb: Der VfB hat neuerdings ein richtiges Fußballstadion, jedenfalls als Baustelle...

Miller: ...es kommt mir sehr entgegen, dass der Wassergraben, oder wie dieses Ding da für die Leichtathleten heißt, endlich weg ist. Ich bin nämlich kurzsichtig.



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Joe Bauers Flaneursalon mit Buchpräsentation am Donnerstag, 22. Oktober, 20.15 Uhr: www.theaterhaus.com - Telefon: (0711) 4 02 07 20



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