Bauers Depeschen


Freitag, 10. April 2009, 309. Depesche



BETR.: OSTERN



EIN MANN AM FENSTER



Ich habe gelesen, man müsse nur lange genug regungslos am Fenster sitzen und hinausschauen, das würde die Fantasie besser beflügeln als ein Buch oder ein Film.

Im Glauben, ein Gedanke käme vorbei, vielleicht auf seinem Osterspaziergang durch den Stuttgarter Westen, stellte ich einen Stuhl ans Fenster und ging in Position. Draußen war Karfreitag. Stille. Sonne. Ich sah geputzte Scheiben. Ein Stillleben der Scheinheiligkeit, Karfreitag vor Kehrsamstag.

Linker Hand hatten sie ein Haus eingerüstet, ich konnte die Röhre sehen, in die sie am Morgen wieder die Dachziegeln werfen würden. Die Steine werden mit vulgärem Krachen und einem so gnadenlosen Rhythmus herunterstürzen, dass man in den Keller flüchten möchte, um die Kanonen klarzumachen.

Wenn ein Mann am Fenster sitzt und regungslos hinausschaut, dann kommen Gedanken auf ihrem Osterspaziergang vorbei. Ich habe während meines Selbstversuchs am Fenster 43 Todesarten für Bauhandwerker erfunden. Am nächsten Morgen würden sie wieder kommen und ich mit ihren Ziegeln zur Hölle fahren.

Gut, ich hätte zum Stuttgart Hauptbahnhof gehen können, er ist Europas siebtbester Bahnhof und seit lange einem gewaltsamen Tod geweiht. Man wird ihn foltern und zerhacken. Falls er doch noch eine Weile leben sollte, dann wie Michael Jackson - und was von Michael Jackson übrig ist. Der ADAC hat diesen siebten Chartsplatz einmal während einer marktschreierischen Bahnhofsmission ermittelt. Was hat der ADAC auf meinem Bahnhof zu suchen? Er soll sich ums Abschleppen kümmern.

Die Bahnhofsrangliste wurde nach idiotischen Kriterien zusammengestellt. Die Damentoilette in Stuttgart, hieß es, sei sauber gewesen. Fragen Sie einen Gastwirt Ihrer Wahl, egal ob Spelunke, Imbissbude oder Sterne-Restaurant: Die Damentoilette sieht traditionell katastrophaler aus als die Herrentoilette. Das ist die schmutzige Wahrheit. Im Übrigen: Was nützt es, wenn auf meinem Bahnhof die Damentoilette sauber ist? Würde die Suppe im Intercity-Restaurant serviert, solange sie heiß ist, hätten wir den sechstbesten Bahnhof Europas.

Das Thema wurde nicht zu Ende gedacht: Mag sein, wir haben den siebtbesten Bahnhof. Aber, verehrter Fahrgast, was für ehrlose Eisenbahnbanditen stellen in dieser Stadt die Weichen?

Umfragen, Rankings sind eine Landplage. Meist werden sie von Zeitschriften gemacht, die ihr Gurkenblatt für einen Tag ins Bewusstsein ihrer auflagenschwachen Regionen rücken wollen.

Neulich wurde eine Ermittlung veröffentlicht, wonach Stuttgart die zweitbeliebteste Stadt Deutschlands sei. Gefragt wurden nur die Einwohner.

Was hat eine solche Umfrage also zu bedeuten? Die Menschen in Stuttgart leben in Stuttgart, weil sie hier leben wollen. Oder weil sie nichts Besseres finden. Oder weil sie sich diese Stadt geben wollen. Wer freiwillig zur Domina geht, wird sich hinterher nicht beschweren, dass er ausgepeitscht wurde.

Wenn ich am Fenster dieser Stadt sitze und die Ziegel gegen meinen Schädel krachen, habe ich keinen Grund zu klagen. Ich habe es so gewollt.



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Joe Bauers Flaneursalon am Sonntag, 19. April (20 Uhr), in der Rosenau. Mit Roland Baisch & The Countryboys, Dacia Bridges und Michael Gaedt.

Neues Kartentelefon: 01805 700 733 (siehe "Termine").

ACHTUNG: Alles über unseren "Flaneursalon im Fluss" (im Juni auf dem schwimmenden Neckarschiff "Bad Cannstatt") am 19. April in der Rosenau.



Kolumnen in den Stuttgarter Nachrichten:

www.stuttgarter-nachrichten.de/joebauer



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