Bauers Depeschen


Samstag, 17. Mai 2008, 149. Depesche

Wochenend-Bonus-Track:



LETZTE AUSFAHRT ROHRER WEG



Es war Mai und heiß. Mir war klar, dass ich einen Fehler gemacht hatte an diesem Morgen. Ein Spaziergänger wie ich darf sich keine Panne leisten wie an diesem Morgen. Ich stieg aus der Stadtbahn und hatte ein Problem: Ich war allein.

Ich sah Wiesen und Felder und suchte nach einem Zeichen der Zivilisation. In der Ferne konnte ich ein Hochhaus der Immobilienfirma Rudi Häussler sehen. So sieht heute die Zivilisation aus.

Ich stand an der Haltestelle Rohrer Weg. Nie zuvor war ich hier gewesen. Ich hatte mich in der Bahn auf einen Zeitungsartikel über Angela Merkels Verhältnis zum Dalai Lama eingelassen und deshalb meinen Bestimmungsbahnhof verpasst.

Vielleicht hat auch die Bahn nicht gehalten. Wenn eine Bahn Verspätung hat, habe ich bei dem Schriftsteller Michael Schulte gelesen, kann es passieren, dass sie nicht wie geplant in Lüneburg hält, sondern erst in Finnland. Finnland ist gut. Ich wäre gern in Finnland. Ich stand an der Station Rohrer Weg.

Ich hatte eine voll gepackte Sporttasche bei mir. Wenn jetzt ein Traktor käme, würde mich der Bauer per Handy beim nächsten Sheriffbüro melden, weil er mich für einen Räuber hielt.

Du kommst nicht so leicht weg vom Rohrer Weg. Nur alle 20 Minuten hält eine Bahn. 20 Minuten allein am Rohrer Weg sind eine Ewigkeit. ‚‚Die Ewigkeit’’, hat Woody Allen gesagt, ‚‚ist verdammt lang. Besonders gegen Ende.’’

Was hätte ich tun können. Nach drei Minuten kam eine Frau auf einem Damenrad vorbei. Ich versuchte mich unauffällig zu verhalten. Aber verhalte dich mal unauffällig, allein am Rohrer Weg. Mir war klar, dass mich die Frau im Sheriffbüro melden würde, ich verließ die Bahnstation.

Ich ging durch Wiesen und Felder. Merkwürdig, dass auf einem Feld Pflanzen wuchsen, die wie Blumen aussahen. Sie leuchteten in der Sonne wie Angela Merkels Augen beim Blick auf des Lamas Bademantel. Wer pflanzt Millionen Blumen auf einem Feld am Rohrer Weg? Vielleicht war es roter Mohn. Merkwürdig, die Gegend am Rohrer Weg.

Mir ging langsam auf, dass ich bei meinem Spaziergang durch die Natur keine einzige Blume kannte und bestimmen konnte.

Ich habe meine Kindheit auf dem Land verdrängt. Auf dem Dorf habe ich jede Blume persönlich gekannt. Ich hatte mal eine Lehrerin, die hieß Gans. Frau Gans, nicht Fräulein Gans. Sie forderte uns regelmäßig auf, Blumen in die Schule mitzubringen. Dann mussten wir herausfinden, um welche Blumen es sich handelte. Um Veilchen, Mäuseschwanz oder Pimpernuss. Die Idee, Frau Gans sei in Wahrheit zu faul, eine ordentliche Unterrichtsstunde vorzubereiten, kam mir nicht. Ich war in Frau Gans verliebt.

Eines Tages wurde mir klar, dass ich besondere Blumen mitbringen müsste, um Frau Gans meine Liebe zu beweisen. Keine Gänse- oder Kornblumen.

Ich hatte von dem Gerücht gehört, es sei verboten, Trollblumen zu pflücken, unabhängig davon, ob es welche gab. Wenn ich mit einer Ladung Trollblumen in die Schule käme, wüsste Frau Gans sofort, dass ich die Trollblumen unter Einsatz meines Lebens gepflückt hatte. Ich hätte von einem Feldschütz erschossen werden können.

Ich brauchte Trollblumen. Das war es. Wenn ein Mann einer Frau Trollblumen bringt, dann liebt der Mann diese Frau. Eine Trollblume spricht eine andere Sprache als Veilchen, Mäuseschwanz und Pimpernuss.

Als die Bahn am Rohrer Weg eintraf, beschloss ich, noch ein letztes Mal in meinem Leben ins Trollblumengeschäft einzusteigen. Auch wenn Frau Gans nach den Gesetzen der Natur inzwischen ziemlich tot sein müsste.



BEI VORLESEBEDARF: Flaneursalon am kommenden Dienstag, 20. Mai (20.30 Uhr), Bix Jazzclub im Sieglehaus. Karten: 0711 - 470 43 13 und www.bix-stuttgart.de

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