Bauers Depeschen


Freitag, 22. Februar 2008, 119. Depesche



VORBEI AN JEDER HALTESTELLE



1978 starb Werner Finck – Zur Erinnerung

an den großen Kabarettisten und die Stuttgarter Mausefalle



Bei aller Liebe für die Helden der Publikumsverführung, in der Haut dieses Kerls möchte ich nicht stecken. Es ist stickig in dem unterirdischen Studio, aber nicht heiß genug, um den Leuten auf der Galerie einzuheizen. Der Mann auf der Bühne kämpft um die Gunst einer Kaffeefahrten-Gesellschaft, die zur Besichtigung des Fernsehsenders gekommen ist. Jetzt, letzte Haltestelle, werden die Herrschaften mit der Aufzeichnung einer Kabarett-Show belohnt. Der Mann auf der Bühne leistet körperliche und geistige Schwerstarbeit, will sein Publikum in die Geheimnisse des Beifalls einweihen. Man wähnt sich in der Kulisse eines Jahrmarkts und begreift, was es heißt, Menschen zu unterhalten.

Als die Show nach einer halben Stunde gelaufen ist, bedankt sich der Mann auf der Bühne. Er stottert, stammelt, verspricht sich: Ja, sagt er, er sei nun mal immer nur so gut wie sein Publikum, ach ja, vielleicht könne man das so nicht sagen, oder doch, natürlich, äh, so ähnlich.

Und dann kommt es: Verehrtes Publikum, heute waren Sie sehr gut!

Der Mann auf der Studiobühne ist der Stuttgarter Kabarettist Mathias Richling, seine Schlusspointe eine Verbeugung vor dem alten Narren Werner Finck. So war das mal, vor Jahren, als Richling sich noch nicht auf die Parodie fürs Fernsehen spezialisiert hatte.



Wie oft ist das Kabarett in den vergangenen Jahrzehnten tot gesagt worden, wie viele hatten geglaubt, es sei spätestens 1978 mit Werner Finck gestorben. Ja, gerade in den späten siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als die ersten Comedy-Vorboten das klassische Kabarett tot zu lachen schienen. Die Clowns des Popzeitalters sagten nicht mehr „Verehrtes Publikum, Sie waren heute sehr gut!“, sondern: „Verehrtes Publikum, Sie waren das beste, das wir heute Abend kriegen konnten.“

Aber, was soll der Quatsch mit dem Tod des Kabaretts. Man kann die Gesetze, die dramaturgischen Tricks der Unterhaltung nicht einfach beerdigen, wenn man das Publikum weiter verführen will. Und einer, der das heute noch vorhat, tut gut daran, Werner Fincks Lektionen zu lernen.



Werner Finck, 1902 in Görlitz geboren, hat in seinem 1977 erschienenen Büchlein „Heiter – auf verlorenem Posten“ die Geschichte des politischen Kabaretts, den Unterschied zwischen Nazi-Diktatur und BRD-Demokratie so erklärt: „Was damals das Konferieren betraf; man musste sich, wollte man nicht Kopf und Kragen riskieren, auf die Andeutung einer Andeutung beschränken. Man könnte auch sagen: Es genügte, mit einem winzigen Klöppelchen an eine kleine Glocke zu tippen, das übertrug sich dann aufs Publikum wie Sturmläuten. Heutzutage – und damit komme ich auf ein Hauptproblem des Kabaretts in demokratischen Zeiten – müssen wir mit einem Riesenhammer auf eine Mordsglocke schlagen, und man wird sich im Publikum fragen: ,Hat's da nicht irgendwo ein bisschen geklingelt?'“

Für die Andeutung einer Andeutung ist Finck auf Goebbels' Geheiß ins KZ gesperrt worden. 1935 wurde er entlassen. Einer neuerlichen Verhaftung entging er, weil er sich bei Kriegsausbruch als Freiwilliger meldete. Eine Anweisung der Nazis lautete: „Finck ist, sobald er eine Bühne betritt, sofort zu verhaften.“

Der Kabarettist, Schauspieler, Schriftsteller Werner Finck hat oft über diese Art des Ergriffenseins gespottet – kaum war das Publikum vom Künstler ergriffen, wurde auch schon der Künstler ergriffen.



Nach dem Zweiten Weltkrieg, 1948, eröffnete Finck in Stuttgart, Tübinger Straße, das Kabarett Mausefalle. Als Kaufmann und Impresario hatte er allerdings kein Glück, 1951 machte sein Laden dicht; auch ein Zweitversuch mit einer Hamburger Mausefalle scheiterte. Das Publikum war in den Anfängen der Demokratie mit oppositionellen Hieben noch nicht zu greifen.



Ins Bewusstsein rückte die Stuttgarter Mausefalle noch einmal Anfang der achtziger Jahre. Damals wurden die alten Räume von dem Rundfunkmoderator Stefan Siller und seinem Freund Werner Heitmann als Rock-Club wiederbelebt. Unvergessen der Comeback-Auftritt der Berliner Anarcho-Band Ton, Steine, Scherben mit ihrem mittlerweile verstorbenen Sänger Rio Reiser. Doch schon bald scheiterte die Mausefalle erneut am Geld. Die Stadt Stuttgart war zu knickrig und zu kurzsichtig, ein paar Mark Subvention rauszurücken.

Von der Agitprop-Kunst der Ton-Steine-Scherben-Ära hielt Finck übrigens nichts. Über linke Polit-Ensembles wie das Kölner Floh de Cologne oder das Münchner Rationaltheater sagte er: „Ein Abend bei ihnen hat mit dem herkömmlichen Vergnügen nichts mehr zu tun, sondern ist schlechthin ein durch aggressive Elektronenmusik verschärfter Schulungsabend. Sie könnten in vollem Einvernehmen mit der dortigen Zensur auch in der DDR gastieren.“



Heute ist die Mausefalle in der Tübinger Straße ein vergessener Sanierungsfall in der Nachbarschaft des Rotlicht-Etablissements Wings – Stuttgarter Nightclub-Strip als finaler Finckscher Witz auf den Lauf der Welt. Werner Finck hat uns feinsinnig den Unterschied erklärt zwischen Cabaret und Kabarett: „zwischen Callgirl und Kassandra“.

Werner Finck war der poetische Spötter des Kabaretts, der Zerstreute mit dem Überblick. Er näherte sich seinem Publikum so virtuos linkisch, dass mancher daran dachte, ihn nach der Vorstellung am Arm über die Straße zu führen. Dabei stotterte Finck so präzise, als wollte er die Worte in unrhythmische Silben zerlegen, um den ganzen Unsinn und das Chaos der Welt bloßzulegen.

Er war nicht nur der große Entertainer der kleinen Etablissements, er war auch ein ausgezeichneter Bühnen- und Filmdarsteller. Vielleicht erinnern Sie sich an seine Großvater-Rolle in Rainer Werner Faßbinders Familienserie „Acht Stunden sind kein Tag“ (1973). Und da war der Autor Werner Finck. In seinem Bestseller „Alter Narr – was nun?“ hat er uns eine feine Stuttgarter Anekdote hinterlassen. Sie handelt von einem angetrunkenen Mann, der nächtens einen Triebwagen aus dem Depot der Straßenbahn klaut und damit nach Hause fährt: „Welch eine Zwangsvorstellung, was sage ich, Zwangsvorstellung für Jung und Alt: mit einer Elektrischen dahinzurasen, die Todfeinde des Straßenbahnwesens, die Autos, hinter sich lassend, vorbei an jeder Haltestelle. Vorbei an jeder Haltestelle!!!“

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