Bauers Depeschen


Freitag, 25. Januar 2008, 109. Depesche

DIE NEUE ACHTSAMKEIT



Der Doktor schaute mich an, wie man einen Kranken anschaut, mit Mitleid. "Schätzen Sie mal", sagte er, "welcher Zeitfaktor in Ihrem Leben die größte Menge Ihres Gehirns in Anspruch nimmt: die Vergangenheit, die Gegenwart oder die Zukunft?"

Halbwegs ermutigt, weil er mir ein Gehirn zugestand, sagte ich: "Die Gegenwart." "Das denken alle", sagte der Doktor, "aber es ist falsch. Der Teil des Gehirns, den die Gegenwart in Anspruch nimmt, ist verschwindend klein." "Dann überwiegt die Vergangenheit", sagte ich. "Nein", sagte er, "die Zukunft dominiert. Über ihre Zukunft machen sich die Menschen am meisten Gedanken."

Ich hätte den Doktor gern gefragt, ob in seinem Fall vielleicht das Nichts den größten Teil seines Gehirns in Anspruch nehme, schließlich litt ich an Schüttelfrost, entzündeten Mandeln und Depression - so gegenwärtig, dass mich die Zukunft nicht die Bohne interessierte. "Wenn Sie mich hier nicht heil herausholen", sagte ich, "heißt meine Gegenwart Pragfriedhof. Wie soll ich mir also über die gottverdammte Zukunft Gedanken machen?"

Philosophische Gespräche werden normalerweise sensibler geführt, mit mehr buddhistischem Einfühlungsvermögen. Fachleute auf dem Gebiet der Psychologie, sagte der Doktor, sprächen von der "neuen Achtsamkeit", vom veränderten Bewusstsein im Umgang mit sich selbst. "Seine Gegenwart, sein Hier und Jetzt wird dem Menschen immer wichtiger", sagte der Doktor, „der Buddhismus hat es uns gelehrt.“

Haben Sie den VfB gegen Olympique Lyon gesehen?", fragte ich den Psychotherapeuten. "Haben Sie in das Gesicht des Trainers nach dem 0:2 geschaut? Da haben Sie Ihre neue Achtsamkeit. Der Mann wird sich etwas antun, wenn es so weiter geht."

"Ich spreche nicht von Fußball", sagte der Doktor. "Das ist typisch", sagte ich, "würden Sie Ihre Achtsamkeit mal aufs Wesentliche richten, wüssten Sie, warum der größte Teil des Gehirns nicht mit der Zukunft, sondern mit der Angst vor der Zukunft beschäftigt ist." "Das meine ich doch", sagte der Doktor. "Sie meinen gar nichts", sagte ich. "Wenn Sie eine Ahnung hätten, würden Sie ein Mittel finden, um die Zukunft im Gehirn zu löschen." "Dann wären wir alle erledigt", sagte er. "Das sind wir sowieso", sagte ich. "Oder haben Sie das Spiel nicht gesehen?"

Jetzt hatte ich ihn, wo ich ihn haben wollte. Er wusste nichts, rein gar nichts. Den Verdacht, ein Riesenloch im Gehirn werde mit Gedanken an die Zukunft gefüllt, hatte ich schon lange. Wie sonst wäre es Menschen möglich, so rabiat ihre Gegenwart und Vergangenheit gleichzeitig zu vernichten. "Doktor", sagte ich, "ich habe heute Nacht die Zukunft gesehen, ich war ein Fußball, ich wurde aufgepumpt wie ein Ochsenfrosch und mit dreckigen Schuhen getreten.“

"Sie müssen achtsamer mit sich umgehen“, sagte der Psychotherapeut. „Ja, Doktor“, sagte ich und legte mir den Ball auf dem Elfmeterpunkt zurecht. „Neunzig Minuten sind um“, sagte der Doktor. „Eine Minute Nachspielzeit“, sagte ich und schoss ihm die Kugel mit dem Rechten voll in die Eier. Als ich mit dem toten Doktor vorsichtig die Trikots tauschte und einen Schluck aus der Flasche nahm, sangen im Wartezimmer fünfzigtausend Engel mit jeweils guten Schenkeln „So ein Tag, so wunderschön wie heute...“

Vielleicht lag es am Buddhismus oder an meiner Krankheit, so jedenfalls hatte ich mir die Zukunft immer vorgestellt: erst ein faires Finale unter Männern und danach jede Menge Weiber.



P.S.: An dieser wahren Geschichte, meine Damen und Herren, erkennen Sie das Dilemma des zeitgenössischen Zeitungschreibers. Er weiß nie, wie er seinen Text anlegen soll: eher wie die "Apotheken-Rundschau" oder am Ende doch wie Charles Bukowski. Im Zweifelsfall wird ein Blog draus.

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