Bauers Depeschen


Donnerstag, 29. November 2007, 89. Depesche

Rechtzeitig zum Beginn des Weihnachtsmarkts beende ich mit der folgenden Geschichte den deutschen Herbst 2007 in Stuttgart.



BLAUKRAUT IM FÄSSLE

Am 24. Oktober 1977 nimmt der Wirt und Spezialitätenkoch Eugen Maier, damals 39, wie immer montags seinen freien Tag. Sein Restaurant Fässle im Stuttgarter Stadtteil Degerloch, das er seit 1971 mit seiner Frau Inge betreibt, hat geschlossen. Eugen Maier ist ein geselliger Mensch, an diesem Montag geht er zum Frühschoppen ins Gasthaus Wilhelmshöhe, um mit seinen Degerlocher Kollegen zu plaudern. Maier sitzt noch nicht lange, da betritt ein unbekannter Gast das Lokal. Der Fremde fragt den Wirt der Wilhelmshöhe, ob er bei ihm für eine Trauerfeier reservieren dürfe, für circa zwanzig Gäste.

Der Wirt lehnt ab.

Der Mann, der gefragt hat, ist der Stuttgarter Pfarrer Helmut Ensslin, Vater der Terroristin Gudrun Ensslin, die am 27. Oktober zusammen mit den RAF-Mitgliedern Andreas Baader und Jan-Carl Raspe auf dem Dornhaldenfriedhof beerdigt werden soll. Die Terroristen haben in der Nacht zum 18. Oktober im Gefängnis von Stammheim Selbstmord begangen.

Eugen Maier geht nach seinem Besuch in der Wilhelmshöhe nach Hause, er redet kurz mit seiner Frau und ruft Ensslin an. Spontan, wie er später sagt. Maier bietet dem Pfarrer an, die Trauergemeinde zu bewirten. Ensslin ist dankbar, er sagt, man treffe sich "im kleinen Kreis".

Das Wirtsehepaar reserviert das Nebenzimmer und bittet eine Gruppe heimischer Rechtsanwälte, die sich hier regelmäßig trifft, ausnahmsweise einen anderen Platz einzunehmen.

Die Maiers ahnen nicht, was auf sie zukommt. Für den 27. Oktober teilen sie einen neuen Kellner zum Dienst ein, es ist sein erster Arbeitstag. Rindsrouladen mit Blaukraut und Knödel sind bestellt. Das Fässle in dem schmucken alten Backsteingebäude gilt als gutbürgerliche Adresse.

Am frühen Nachmittag des 27. Oktober kommen die Trauergäste. "Und dann", wird Inge Maier später sagen, "wurden wir überrannt."

Immer mehr Leute drängen ins Lokal. Vor dem Haus marschieren Schaulustige auf. Es kommt zu Pöbeleien. Über dem Restaurant kreist ein Polizeihubschrauber. Die Maiers sind völlig überfordert. Ihre letzten Vorräte gehen drauf. Sie kassieren nicht mehr an den Tischen, sie haben den Überblick verloren.

Unter den Gästen sind der RAF-Anwalt Otto Schily und die Regisseure Alexander Kluge und Volker Schlöndorff. Die Künstler machen Interviews für den Film "Deutschland im Herbst". Auch die Maiers stehen vor der Kamera. Die Stammgäste, darunter die Anwälte, verlassen das Lokal unter Protest. Der "Spiegel" wird wenige danach später einen der Fässle-Honoratioren mit den Worten zitieren: "Wir gehen - do schmeckt's ons nemme."

Nach diesem Tag ist es für die Wirtsleute unmöglich, zur Normalität zurückzukehren. Pausenlos klingelt nach der Beerdigung das Telefon. Es hagelt Beleidigungen: Sympathisantenschweine, das Übliche.

Die aggressive Stimmung im Deutschen Herbst 1977 ist auf dem Höhepunkt, der entführte Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer neun Tage zuvor ermordet worden. Viele Stammkunden des Fässle teilen schriftlich mit, künftig wegzubleiben – nicht nur die Kegelbrüder, die sich immer zur Weihnachtszeit beim Wirt beschweren, weil kein Christbaum an der Bahn steht.

Ein Mann kommt nach dem Leichenschmaus ins Lokal und provoziert den Wirt: "Hast du eine Knarre?" "Nein", sagt der Wirt, "ich habe zwei." Die Maiers, mit ihren Kindern Jeanette, 6, und Alex, 3, flüchten zu Freunden nach Koblenz. Während ihrer Abwesenheit übernimmt Inge Maiers Vater Richard Domhan, ein konservativer Mann, Vorsitzender der SpVgg Feuerbach, im Lokal den Telefondienst. Er hört sich Beschimpfungen an - und notiert Reservierungen neuer Gäste, die sich mit den Maiers solidarisieren.

"Wir dachten nicht an Werbung fürs Lokal", sagt Inge Maier später. "Wir hatten geglaubt, wir bewirten zwanzig Leute, und damit sei die Sache erledigt." Ihrem Mann hat sie nach dem Telefonat mit Ensslin gesagt, auch Eltern von Terroristen hätten ein Recht auf Trauerarbeit. Als Mutter könne sie mitfühlen. Ihr Vater, der mit „dem Eugen“ als Ehemann nicht einverstanden gewesen war, hält zu ihr. Er will nicht, dass das Restaurant zu Grunde geht.

Eugen Maier, dunkle Haare, schwarzer Schnauzer, gilt 1977 als Exot. Viele glauben, er sei Türke. "Zwei Bier - du verstehen?", fragt man ihn in seiner Kneipe. In Wahrheit kommt Maier aus dem Kohlenpott. Ein ehemaliger Abenteurer, der in Frankreich die Gastronomie erlernt hat, der sich auf der Pferderennbahn von Marseille auskennt.

Er bereitet im Fässle neben schwäbischer Küche französische Gerichte zu. Er ist belesen, geht ins Theater, schwärmt vom Fußball und der Tour de France.

Nach dem Begräbnis der RAF-Leute verändert sich das Publikum des Lokals über Nacht. Die Honoratioren meiden es demonstrativ. Dafür kommen die Künstler. Stuttgarts Schauspieldirektor Claus Peymann, wegen seiner Geldspende für den Zahnersatz der RAF-Mitglieder in den Schlagzeilen, wird ebenso Stammgast wie die gefeierten Bühnenstars des Ensembles, darunter Lore Brunner, Gert Voss, Martin Lüttge. Man trifft sich bei unvergesslichen Festen. Freundschaften werden geschlossen. Der Maler Jan-Peter Tripp entwirft das Etikett für den Crémant des Hauses.

Von dieser Veränderung hätten sie und ihr Mann menschlich viel profitiert, sagt Inge Maier später. Mit den neuen Gästen konnten sie über Dinge reden, die sie interessierten, und Eugen ist ein guter Redner.

Der 27. Oktober 1977 wirkt auf die Maiers in jeder Hinsicht nach. Noch lange haben sie das Gefühl, dass ihr Telefon abgehört und sie beobachtet werden. Und jedes Mal, wenn sie nach Frankreich zum Einkaufen fahren, werden sie an der Grenze scharf kontrolliert. Vor dem 27. Oktober hat es nie Probleme gegeben. Es wird Jahre dauern, bis sich das Leben normalisiert.

Dann schlägt das Schicksal zu. Eugen Maier stirbt 1987 am Herzinfarkt, er ist gerade beim Friseur. Inge Maier führt das Fässle noch bis 1992. Es kommt zu einem unschönen Ende im Pächterstreit.

Heute ist Inge Maier Rentnerin und hilft in der Firma ihrer Tochter, einem Geschäft für Gastronomie-Bedarf im Stuttgarter Stadtteil Vaihingen. Inge Maier hat ein Album mit Fotos und Dokumenten aus den siebziger Jahren aufbewahrt. Darin ist der handschriftliche Brief einer späteren Kinderbuchautorin aus Stuttgart vom November 1977 an Eugen Maier abgeheftet. Auszug: "Aufgrund der ungeheuren und unberechenbaren Gefahr, die nicht nur jeder Terrorist selbst, sondern auch dessen geistiges Sympathiefeld für unseren Staat und somit für jeden einzelnen Bürger bedeutet, halte ich Ihre Handlungsweise in dieser Sache für unrichtig."

Das Fässle in der Degerlocher Löwenstraße gibt es noch, einer der Gasträume heißt Jan-Peter-Tripp-Lounge. An Deutschland im Herbst erinnern die schmiedeeisernen Weintrauben an der Hauswand.



(Copyright Stuttgarter Nachrichten)

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