Bauers Depeschen


Samstag, 24. November 2007, 88. Depesche

Der folgende Text ist als Kolumne in den Stuttgarter Nachrichten erschienen. Ausnahmsweise stelle ich, weil mir das Thema wichtig ist, einen Zeitungsbeitrag ins Netz, originale, relativ neue Zeitungstexte haben an dieser Stelle normalerweise nichts zu suchen. Eine andere, ausführliche Geschichte über die in Stuttgart geborene Kriegsfotografin Gerda Taro war am 24. November im Querschnitt der Stuttgarter Nachrichten zu lesen. In New York wird Gerda Taro zurzeit mit einer Ausstellung geehrt, in ihrer Heimatstadt ist sie so gut wie vergessen. Ich würde mich wundern, wenn sich auch nur ein einziger Stuttgarter SPD-Politiker mit Blick auf die Geschichte seiner eigenen Partei für die Aufarbeitung der Biografie von Gerda Taro interessieren würde.



TOD EINER FOTOGRAFIN



In der Stadt war es schon am Morgen sehr heiß, eine Weile ging ich am Fluss entlang, dann beschloss ich, klimatisierte Räume aufzusuchen. Das Museum of Modern Art war nicht weit. Gerade angekommen, entdeckte ich ein Plakat des Stuttgarter Künstlers Willi Baumeister: Er hat es 1927 für die legendäre Werkbund-Ausstellung "Die Wohnung" am Weißenhof gestaltet, und ich fühlte mich gut, weil ich in der Stadt eine andere Stuttgarter Spur gefunden hatte als die von Porsche, Mercedes und Pretzel.

Als ich das Museum verließ, war es immer noch sehr heiß für einen Oktobertag in New York, und mir fiel ein, dass ich eine Notiz über "This is War! Robert Capa at Work" gelesen hatte, die Ausstellung im International Center of Photography mit Arbeiten des 1954 gefallenen Kriegsfotografen. Robert Capa war mit dem Foto "Der fallende Milizionär" aus dem Spanischen Bürgerkrieg zu Weltruhm gelangt.

Im Eingangsbereich des Gebäudes in Manhattan hing eine Tafel mit der Überschrift "Gerda Taro". Den Namen habe ich schon mal gehört, dachte ich, und als ich den Text überflog, bekam ich ein schlechtes Gewissen: Gerda Taro, die Lebens- und Arbeitspartnerin von Robert Capa, wurde 1910 in Stuttgart geboren, das hätte ich wissen müssen. Noch bis Januar ist der Fotografin in New York, parallel zur Capa-Schau, ihre erste Retrospektive gewidmet.

Im Museum fand ich die 1994 in deutscher Sprache erschienene Biografie "Gerta Taro - Fotoreporterin im Spanischen Bürgerkrieg" von Irme Schaber. Am nächsten Morgen ging ich wieder zum Fluss und begann zu lesen. Auf den ersten Seiten erfuhr ich viel über Stuttgart, über ein Mädchen namens Gerta, die Tochter der jüdischen Einwanderer Heinrich und Gisela Pohorylle. Die Familie wohnte in der Alexanderstraße 170 a. Vater Heinrich hielt sich als selbstständiger En-gros-Eierhändler über Wasser.

1917, zwei Jahre nach Einführung der Brotkarte im Ersten Weltkrieg, besuchte Gerta Pohorylle die Königin-Charlotte-Realschule in der Zellerstraße, Stuttgarts erste höhere Mädchenschule. Sie war klug. Kam sie zu spät, fälschte sie die Unterschrift ihrer Mutter und schrieb als Entschuldigung: "Meine Tochter leidet an Schwindel."

Die junge Frau Gerta Pohorylle war schön, und sie war selbstbewust. Mit Hilfe ihrer reichen Tante besuchte sie ein Jahr lang ein Schweizer Internat und sprach bald fließend französisch. Sie wurde eine gute Tennisspielerin auf der Waldau und fuhr im Opel ihres Freundes Pieter Bote mit zu den Spielen der Stuttgarter Kickers. Sie amüsierte sich bei den Vorstellungen im Cabaret Excelsior und ging ins Kunstgebäude am Schlossplatz, wenn zum Fünfuhr-Tanztee die Kapelle aufspielte.

1929 musste sie, obwohl sie sehr an Stuttgart hing, aus wirtschaftlichen Gründen mit ihren Eltern nach Leipzig umziehen. Sie engagierte sich politisch bei der Linken und wurde 1933 nach einer Flugblattaktion von den Nazis verhaftet. Im Gefängnis spielt sie der SA die hübsche Naive vor und kam auch dank ihres polnischen Passes nach ein paar Wochen frei. Sie ging umgehend ins Exil. In Paris lernte sie den ungarischen Fotografen André Friedmann kennen, der bald auf ihren Rat hin nur noch unter dem Namen Robert Capa veröffentlichte, sie selbst nannte sich jetzt Gerda Taro. Mit sensationellen Fotos vom Spanischen Bürgerkrieg unterstützte das Paar die Republikaner im Kampf gegen Francos Faschistischen. Ihre Bilder wurden weltweit in den bedeutendsten Magazinen veröffentlicht.

Am 25. Juli 1937 fotografierte Gerda Taro in der Schlacht von Brunete nahe Madrid. Unermüdlich hielt sie die Kamera aus dem Schützengraben, um die Kampfszenen einzufangen. Als während eines Luftangriffs Panik ausbrach, verließ sie die Deckung und sprang auf das Trittbrett eines Sanitätsfahrzeugs. Ein Panzer der republikanischen Armee geriet ins Schlingern und erfasste das Rettungsfahrzeug. Gerda Taro wurde zu Boden geschleudert, der Tank überrollte ihre Beine. Am anderen Tag war sie tot, sie wurde 26 Jahre alt.

Dass die Fotografin ausgerechnet während eines Luftangriffs von Hitlers Legion Condor tödlich verletzt wurde, war mit ein Grund, ihre Geschichte später in der Bundesrepublik zu vergessen. Auch sämtliche Mitglieder ihre Familie fielen den Nazis zum Opfer.

Ihr Lebenslauf scheint heute, da man einen Che Guevara mehr denn je als Popstar vermarktet, wie geschaffen für den posthumen Glanz einer emanzipierten, in vieler Hinsicht revolutionären Frau, die sich nie einer Partei angeschlossen hat.

Bei ihrer Beerdigung in Paris sprachen die Dichter Louis Aragon und Pablo Neruda. Ihr Grabmal, das später von den Nazis zerstört wurde, hatte Alberto Giaccometti gestaltet. Zigtausend begleiteten den Trauerzug zum Père-Lachaise, sie war eine europäische Ikone des Widerstands gegen den Faschismus.

In ihrer Biografie findet man die Namen Hanns Eisler und Bert Brecht, Willy Brandt und Ernest Hemingway. Ausgerechnet Hemingway hat sie – da sie Capa nicht treu war – eine „Hure“ genannt.

Weil sie zunächst unter dem gemeinsamen Copyright Capa veröffentlichte, stand sie nach ihrem Tod lange im Schatten ihres Partners. Dabei war sie es, die das Markenzeichen Capa inszeniert und mit ihren Fotos geprägt hatte.

Während Gerda Taro zurzeit in New York unter großer Beachtung internationaler Medien als eigenständige Fotografin geehrt wird, weiß man in ihrer Heimatstadt Stuttgart wenig oder so gut wie nichts über sie. Die Stiftung Geißstraße 7 hat unlängst ein Info-Poster über Gerda Taro herausgebracht.Vergeblich aber sucht man eine Gedenktafel oder - wie in Leipzig - eine Straße, die nach ihr benannt wäre.

Merkwürdig, diese Stuttgarter Spuren in New York, dachte ich, als ich am Fluss saß und die Zusammenhänge betrachtete: Gerta Taro, die vor 70 Jahren gestorben ist, hat oft und begeistert die Weißenhofsiedlung besucht und deshalb auch Willi Baumeisters berühmtes, vor 80 Jahren geschaffenes Werkbund-Plakat gekannt. Und die Autorin Irme Schaber, gleichzeitig die Kuratorin der New Yorker Taro-Ausstellung, lebt und arbeitet in Schorndorf.

Nur ungern verließ ich meine Bank am Fluss. Ich hatte viel über die Heimat erfahren, in New York. Wo sonst.

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