Bauers Depeschen


Freitag, 23. November 2007, 87. Depesche

Auf mehrfachen Wunsch habe ich den folgenden Text lange auf einer aktuellen Seite gelassen.



Ja, ja, ja, nee, nee, nee

Er starb 1997: Erinnerungen an Martin Kippenberger in Stuttgart



Er hatte ein merkwürdiges Ding auf dem Kopf, das weiß ich noch. Eine Mischung aus Militär- und Kochmütze. Schwer zu beschreiben. Vielleicht hätte dieser Deckel zu einem Matrosen auf Landurlaub gepasst oder zu einem Clown nach Feierabend. Der Mann, der ihn trug, stand auf der Bühne einer Disco namens Paris Club in der Kronprinzstraße, Stuttgart. Das war im Sommer 1995. Der Mann mit dem Deckel sang einen Text, das heißt, er sprach einen Text zu heftigem Keyboard-Gewummer. Der Text des Mannes mit dem Deckel lautete: „Ja, ja, ja, nee, nee, nee.“ Das war die einzige Zeile des Liedes, sie wurde oft wiederholt. Mehr gab es nicht zu sagen.

Der Titel war gerade auf einer CD erschienen und der Paris Club in jenen Tagen eine Anlaufstelle für Künstler und solche, die sich dafür hielten. Entsprechend aufgeregt wurde die Nachricht in der Stadt verbreitet, der Meister komme. Seine CD hieß „Beuys Best“, persiflierte eine Aktion des Künstlers Joesph Beuys.

Ich besitze diese CD noch. Ein Wunder, dass ich sie sofort gefunden habe, als ich sie suchte, obwohl ich sie weder alphabetisch, noch sonstwie sinnvoll eingeordnet hatte. Heute freue ich mich, dass ich mir ein kleine Scheibe vom Meister bewahrt habe.

Ich glaube, dass Typen wie er auch die Unbefleckten infiziert haben. Wenn er auftauchte, hing Kunst nicht mehr im Museum. Kunst saß an der Bar.

Im April 2003 las ich auf der Titelseite der „Stuttgarter Zeitung“ den kurzen Hinweis auf eine Ausstellungsbesprechung: „Wenn er nicht gesoffen hätte, dann könnt‘ er heut noch leben – die Tübinger Kunsthalle zeigt Zeichnungen des Alleskönners Martin Kippenberger“.

Der Mann mit dem Deckel im Paris Club war der Künstler, der Maler, der Zeichner, der Aktionist, der Objektemacher, der Schreiber, der Darsteller, der Parodist, der Zyniker, der Suchende Martin Kippenberger, genannt Kippy. Damals ein ausgesprochen freundlicher Mann; er gab uns allen die Hand. Zwei Jahre später war Kippy tot. Heute ist er so berühmt und teuer wie nie zuvor. Es gibt keinen mehr wie ihn.

Kippenberger, 1997 im Alter von 44 Jahren an Leberzirrhose gestorben, wurde 2003, im Jahr seines 50. Geburtstags, posthum als Deutschlands Biennale-Vertreter auserkoren.

Im Veranstaltungsraum der Stuttgarter Rosenau hängt, links neben der Bühne, ein üppige Strichmännchengemälde. Ich habe es hundertmal angeschaut, es erzählt etwas über die Kunst, Kunst an die Theke zu setzen, und es erzählt etwas über den Tod. Das Bild stammt von dem Berliner Schauspieler Ben Becker, es trägt den Titel „Kippy“.

In Kippenbergers Vergangenheit führen viele Spuren nach Stuttgart.

Im April 2003 saß ich in der Senefelder Straße bei dem deutschen Galeristenpionier Hans-Jürgen Müller. Thema: Kippenberger.

Müller sah 1981 in der Berliner Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst neun großformatige Arbeiten, die Kippenberger nach Vorlagen eines Kino-Illustrators hatte malen lassen. Müller sagt, er habe Kippenberger damals überredet, wieder selbst zu malen. Müller war in der Kunstszene einer der größten Überreder, die es je gegeben hat. Wenn er mit Kippenberger an der Bar saß, dann saß verdammt viel Kunst an der Bar, und es bedurfte einiger ungekünstelter Selbstsicherheit, sich dazu zu setzen.

Kippenberger kam nach Müllers Überzeugungsakt nach Stuttgart. In Müllers Galerie, die er damals zusammen mit Max Hetzler, heute Berlin, und Ursula Schurr, heute Bosch-Areal, in der Schwabstraße betrieb, wurde Kippenberger mit Leinwänden ausgestattet. Er packte ein Auto voll, ließ sich nach Italien fahren und begann wieder zu malen.

In Berlin hätte er das nicht gemacht. Dort hatte er meist keine Zeit dafür. Kippenberger führte in Berlin-Kreuzberg den Punk-Club SO 36. Er ließ Rockbands einfliegen, die hier zu Lande noch keiner kannte, er managte Tourneen des späteren Kultstars Iggy Pop und büßte dabei nicht nur eine Menge Geld ein. Am Ende hätte er beinahe sein Gesicht verloren: Ein Punk-Mädchen zog ihm nächstens im SO 36 eine Bierflasche über den Schädel. „Der ganze Kopf ist vernäht worden, war alles offen“, sagte Kippenberger später. Als er nach dem Flaschenhieb blutend am Boden lag, so erinnert sich Müller, sagte Kippenberger zu den Punks: „Es wäre besser gewesen, die Mutter hätte euch das Abitur machen lassen.“

Es gibt ein berühmtes Foto von Kippenberger mit Kopfverband im Krankenhaus. Titel: „Dialog mit der Jugend“. Der fand später auch in Stuttgart statt. In der Olgastraße betrieb Achim Kubinski, heute Berlin, eine Galerie für zeitgenössische Kunst. Was heißt Galerie? Kubinski unterhielt eine Erziehungsanstalt für die Tagesscheuen des etwas anderen Stuttgart. Kubinski diskutierte dort gelegentlich über Kunst, weshalb Kunst Kunst und warum Kunst keine Kunst ist. Meistens aber dozierte er über Fußball. Ich erinnere mich zu gut, dass ich hohe Wetten gegen ihn verlor

Eines Tages tauchte eine Karte aus der Galerie Kubinski in den Stadt auf. Titel: „Dialog mit der Jugend“. Auf dieser Karte waren die Zeiten von Kippenbergers geplanter Ankunft am Abend auf dem Flughafen Echterdingen sowie sein Abflug am nächsten Morgen eingetragen. Manche Leute hielten diese Karte für eine Einladung zu einer Vernissage. Sie kamen und waren neugierig. Sie kamen umsonst.

Kippenberger und Kubinski gaben ihre Performance herrengemäß unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Sie zogen nachts, heftig parlierend, durch Stuttgarts Altstadt-Bars. Am Morgen flog Kippenberger nach Hause. Der Dialog mit der Jugend war für dieses Mal beendet.

Ich selbst erinnere mich an eine Performance, die ich allerdings nicht mehr so ganz scharf vor mir sehe. Zum Glück gibt es den Berliner Galeristen Max Hetzler, einen frühen Freund und Wegbegleiter Kippenbergers. Er hat nichts vergessen.

Sicher war für mich zunächst einmal, dass es ein Bild gibt von Kippenberger mit dem Titel „Kein Capri“; es war 2003 bei der Retrospektive im Karlsruher ZKM zu sehen. Die Arbeit entstand nach einer Fotografie, die Kippenberger aus seinem Berliner Wohnungsfenster gemacht hatte: „Da stand ein Auto im Schnee“, schrieb Kippenberger später. „Kein Capri, sondern ein Taunus, das sind diese Döner, so heißen in Berlin die Türkenautos. Da hab ich in den Schnee reingeritzt: 'Kein Capri', und das von oben nachts dann fotografiert. Das Motiv habe ich dann bis Florenz benutzt, das ist wie ein Blumenstrauß.“

Eines Tages, Anfang der Achtziger, als Kippenberger regelmäßig in Stuttgart wohnte und arbeitete, wurde in der Gutenbergstraße die Ausstellung „Capri bei Nacht“ angekündigt. Kippenberger hatte sich auf einem Schrottplaz einen Ford Capri besorgt. Das Auto war blau.

Blau wie das Meer unter der Sonne von Capri. Der Künstler ließ die Karre zerlegen, um ihre Einzelteile als Skulptur an die Wand zu hängen. Die Begeisterung über diese Aktion war so groß, dass fast niemand davon Notiz nahm, als sich der Sohn des Schrotthändlers bei der Arbeit an Kippenbergers Capri einen Daumen absägte.

Wenig später präsentierte Kippenberger in Stuttgart erneut eine Performance mit dem Titel „Capri bei Nacht“. Diesmal bemalte er gemeinsam mit Albert Oehlen einen Capri mit brauner Farbe; der Farbe waren reichlich Haferflocken beigemischt worden. Das sah gefährlich aus, kostete aber niemanden einen Finger. Als die Schau eröffnet wurde, standen viele Menschen in der üblichen Vernissagen-Aufgekratzheit vor der Werkshalle in der Gutenbergstraße. Drinnen war es stockdunkel. Die Spannung groß. Als die Besucher eintraten, gingen die Scheinwerfer des braunen Haferflockenautos an. Das war Capri bei Nacht.

Es gab eine dritte Aktion in dieser Reihe. Diesmal fand sie in der Tübinger Praxis eines Gynäkologen statt und hieß „Tür bei Nacht“. Kippenberger hatte eine Tür der Arzträume mit brauner Farbe und Haferflocken bemalt. Er selbst lag auf dem Gynäkolgenstuhl und entblößte, in einem emanzipatorischen Akt, sein Gemächt. Über den Rest des Abends kann keiner mehr Genaues sagen. Der Frauenarzt war Jugoslawe und im Besitz großer Mengen Slibowitz.

Wenn er nicht gesoffen hätte, dann könnt‘ er heut noch leben?

Unsinn. Wenn er nicht gelebt hätte, dann wär‘ er heut nicht tot.

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