Bauers Depeschen


Montag, 29. Oktober 2007, 79. Depesche

Seit acht Monaten lebe ich abstinent, und ich kann guten Gewissens sagen: Das Leben geht weiter.

Zuletzt hatte ich zwei bleibende Erlebnisse. Zuerst traf ich im Maritim den amerikanischen Schriftsteller Richard Ford zu einem Interview, meine liebenswerte Kollegin Andrea Kachelrieß stand mir mit ihren Sprachkenntnissen zur Seite. Der Schriftsteller war überaus freundlich und sympathisch und unkompliziert. Ein amerikanischer Intellektueller durch und durch, ein Jäger und Angler, ein weiser Country-Mann. Am Abend las er im Literaturhaus – leider assistiert von dem affigen Synchron- und Werbesprecher Christian Brückner, der schrecklichen unvermeidlichen Stimme von Robert de Niro.

Ich bin seit 1989, als Richard Fords erstes Buch auf Deutsch erschien, Fan dieses Autors. Zufällig hatte ich vor der Erstveröffentlichung in einem Karton voller Neuerscheinungen den Kurzgeschichten-Band „Rock Springs“ entdeckt. Ohne zu wissen, was das ist. Diese Geschichten haben mich umgehauen.

Richard Fords Botschaft in seinem aktuellen Roman „Die Lage des Landes“ ist die „Permanenzphase“: der Zustand eines Mannes in der zweiten Hälfte seines Lebens, der etwas hinter sich hat und weiß, worauf es noch ankommt. Es geht lakonisch um das Hier und Jetzt eines Menschen, lustig auch, weil mir neulich ein Psychologe von der „Neuen Achtsamkeit“ erzählt hat. Der Psychologe hat mich gefragt, was ich glaube, welcher Zeitfaktor den größten Raum im Gehirn des Menschen einnehme: die Vergangenheit, die Gegenwart oder die Zukunft. „Die Vergangenheit“, habe ich geantwortet. Krottenfalsch. Es ist die Zukunft. Die Gegenwart nimmt den kleinsten Raum ein.

Neuerdings, lang lebe der dicke Buddha, geht es um das Hier und Jetzt: Heute zum ersten Mal nach meiner Angina wieder gejoggt. Es ging. 40 Minuten in den Straßen des verlassenen Westens. Es geht mir gut, weil ich inzwischen ein gerahmtes Bild mit Widmung von Richard Ford an der Wand hängen habe, gleich neben einem Foto von Clint Eastwood mit Autogramm. Damit ist meine Helden-Galerie für alle Zeiten komplett. (Das Ford-Foto hat mir Florian Höllerer vom Literaturhaus besorgt, ich hätte mich nicht getraut.)

Kommen wir zur zweiten Begegnung der anderen Art. Am Samstag war ich bei der Show von Status Quo in der Liederhalle. Die Tour läuft unter dem Motto „On search of the fourth chord“. Ein besseres Motto gibt es für dieses Band nicht. Ich hatte den Auftrag, drei Jungs mit großer Altstadt-Vergangenheit und ihre Damen auszuführen. Einer von ihnen arbeitet im Gastronomiegewerbe und als Punktrichter bei Boxkämpfen, einer in der Juwelenbranche und einer im nächtlichen Taxigeschäft. Die Herren trugen weithin sichtbar gemusterte Schlangenstiefel, weithin blinkende goldende Uhren der Firma Rolex, schwarze Lederhosen und lupenreine Gehröcke aus schwarzem Leder. Über Damen spricht man nicht, eine hatte einen Gürtel an.

Die hochverehrte Frau Mirjam mit jott hatte uns zur Feier des Tages Logenplätze im Beethovensaal reserviert. In diesen Gemächern spielten meine Begleiter vom ersten bis zum letzten dritten Akkord Luftgitarre, sofern ihre Hände nicht zur Einführung von Champagner und Wodka gebraucht wurden.

Status Quo ist eine bemerkenswert konsequente Band. Auf der Bühne steht noch immer eine stattliche Wand von Marshall-Boxen. Das sieht gut aus und ist effizient: Am Sonntagmorgen war ich immer noch komplett taub auf dem linken Ohr. Aber auch noch abstinent. Lange lebe Rock ’n‘ Roll, und erzählen Sie mir nichts von gutem Geschmack. Haben Sie vielleicht einen Gehrock?

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