Bauers Depeschen


Samstag, 24. September 2016, 1678. Depesche


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WOHNUNGSNOT: HEUTE DEMO!

1. Stuttgarter Kundgebung/Demo gegen Abriss und Mietwahnsinn - und für bezahlbare Wohnungen: Am heutigen Samstag, 24. September, in Zuffenhausen. Auftakt: Haltestelle der U-Bahnlinie 15, Wimpfener Straße. 11 Uhr. Reden und Live-Musik; unsereins sagt auch ein paar Sätze. Die Wohnungsnot spiegelt den Riss durch unsere Gesellschaft: Angst und Neid verschärfen den Rechtsruck, die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Man muss endlich was tun!



Der Klick zum

LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



ERDBEBEN

Es mag bescheuert und hypochondrisch klingen, wenn ich behaupte, mein Leben verliefe seit Tagen im gestaffelten Wahnsinn. Das Verb „staffeln“ klingt ja zunächst harmlos, es bedeutet nichts anderes, als etwas zu gliedern oder einzuteilen. Lebst du allerdings in einer von unten bis oben gestaffelten Stadt, kann sich die Lage dramatisch ändern.

Unsere kleine Gemeinde ist, sofern sie einer kennt, berühmt für ihr Staffelgeraffel. Um diese üble Eigenschaft halbwegs menschlich zu verpacken, hat man die schleimige Verniedlichung „Stäffele“ eingeführt. Schwäbische Verkleinerungen, oft alberne Beschönigungen, sind mir ein Gräuel: Eine stinkende, Giftgas ausstoßende Dreckskarre wird nicht umweltfreundlicher, wenn man sie „Audole“ oder „Porsche Turbole“ nennt. Und eine Höllentreppe nicht ungefährlicher, wenn sie nicht „Trepple“, sondern „Stäffele“ heißt.

Jahrelang musste ich mit Besen, Schaufel und Eimer einer verdammten Treppe zu Leibe rücken, bevor man das Kehrwochengeschäft bei uns im Haus outgesourct hat. Aber was rede ich vom Kehren: Manchmal war Winter im Westen, und dann musste ich den Schnee von unzähligen Treppen schippen, selbst im erbärmlichsten körperlichen und geistigen Zustand morgens vor sechs. Das war der gestaffelte Kater. Jede Zuwiderhandlung hätte mich ins Zuchthaus gebracht, weil sich irgendeine alte Dame aus der Halbhöhenlage auf Schnee und Eis im Morgengrauen den Oberschenkelhals oder wenigstens den Hals gebrochen hätte. Das ist die Wahrheit. Alles andere Treppenromantik – auch wenn ein sehr schönes Buch wie der „Stäffele“-Band des Stuttgarter Fotografen und Autors Eberhard Rapp zu anderen Schlüssen kommt.

Mit dem Wort „Stäffele“ sind ganz sicher Menschen überfordert, die schon am Babyphone offene Laute und das stimmhafte s lernen und später, wie unsere gecoachten Politiker-Darsteller, außer Hochdeutsch gar nix können. Der moderne junge Mensch wird das „Stäffele“ für einen Produktionszyklus der „Game of Thrones“ halten. Diese Fernsehserie aus der Fantasy-Branche ist mir schon deshalb sympathisch, weil ihre jüngste, in diesem Jahr abgedrehte Staffel die letzte war. Mein eigenes, lebensbedrohliches Staffel-Kapitel dagegen hat gerade erst begonnen, und damit meine ich keineswegs die Versuchung, staffelweise „House of Cards“ zu glotzen. (In dieser Serie geht es um den skrupellosen Weg nach oben, also um ausgemachte Stäffeleskarrieristen vom Schlage Strobl und Kretschmann.)

Ich als Treppenopfer wohne unmittelbar an der Novalisstaffel im Westen. Immer dann, wenn man die einst für den Weinbau angelegten Wege mit einem Namen verbindet, heißen sie nicht mehr „Stäffele“, sondern „Staffel“. Wahrscheinlich weil „Novalisstäffele“ noch dümmer klänge als „Maultäschle mit Lachs- und Pestofüllung“ – zumal Novalis das Pseudonym eines Schriftstellers mit dem stattlichen Namen Georg Philipp Friedrich Leopold Freiherr von Hardenberg ist. Obwohl sich der Freiherr nie die Stäffele hinaufquälen musste, starb er mit nur 29 Jahren an einer Lungenkrankheit. Ob er sich, wie hie und da zu lesen ist, beim Marbacher Kollegen Friedrich Schiller mit Tuberkulose angesteckt hat, ist zweifelhaft. Ich bin weder Internist noch Forensiker, weiß nur so viel: Wenn mich demnächst die Novalisstaffel auf dem Gewissen hat, dann war die Todesursache nicht meine lädierte Lunge, sondern der tödliche Lärm.

Keine Bange, ich rede nicht von den ­jungen Menschen, die sich nach ihrem Babyphone-Praktikum in Wochenendnächten unter meinem Schlafzimmerfenster geschmeidig zudröhnen. Bin nicht der Blockwart; spirituelle und erotische Übungen auf der Treppe eines frühroman­tischen Autors und Philosophen erscheinen mir geradezu als Pflicht. Wenn mir die Novalisstaffel bald den Rest geben wird, liegt das allein an einer unglücklichen Verkettung globaler Umstände:

Verehrte Geflüchtete aus aller Welt, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger aus Afrika, Arabien und Kleinaspach, leider muss ich Euch heute mitteilen: Ihr seid einen Tick zu spät gekommen. Ihr könnt mich nicht mehr retten.

Wir schaffen das nicht mehr.

Seit geraumer Zeit beschäftigt die Stadt Asylbewerber im Treppendienst. Sie dürfen zigtausend Stufen auf 400 Stuttgarter Staffeln putzen und die Geländer streichen. Voller Freude hätte ich die internationalen Brigaden mit einem Fass Hofbräu, einer Blaskapelle und einer Jungmädchenstaffel in Volksfest-Dirndl an der Novalisstaffel empfangen, um ihnen abendländische Kultur und deutsche Werte beizubringen. Aber keiner schaffte es zur rechten Zeit.

Ersatzweise wurden am frühen Morgen aufgefahren: ein großer und zwei kleinere Bagger, ein Lastkraftwagen, mehrere Kleintransporter, ein Generator, eine Walze, Bauzäune, Container, etliche Männer in den Farben der holländischen Elf sowie ein mobiler Abort. Als ich zuletzt aus dem Fenster schaute, warf ein Mann gerade seine Motorsäge an. Ich antwortete freundlich mit einem rasch aufgelegten Song von Motörhead: „Overkill“. Männer, haltet durch!

Die fürsorgliche Belagerung der Novalisstaffel wird bis in den Dezember hinein dauern und bis dahin kein Stein auf dem anderen bleiben. Unserer westlichen Treppen-Community stehen schwere Erdbeben bevor. „Das Sterbliche dröhnt in seinen Grundfesten“, hat Novalis geschrieben, „aber das Unsterbliche fängt heller zu leuchten an und erkennt sich selbst.“

Sterbliche wie mich wird die neue Staffel problemlos überleben – und wann schon leuchtet die Stadt schöner als jetzt im Septemberlicht, wenn der Sommer langsam stirbt und der Herbst geboren wird? Wenn der Spaziergänger auf einem Stäffele mit seinem Stiefel frisch gefallenes Laub von den Stufen kickt und mit großer Geste in die Welt spuckt wie ein Fußballer: Dann, meine Damen und Herren, ist wieder ein Dummer die Treppe raufgefallen.



 

Buchtitel: »Joe Bauer - In Stiefeln  durch Stuttgart«
 

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